Sonntagsgedanken zum 29. Januar 2012

Gott als Quelle der Kraft vermitteln
Er war einer der erfolreichsten Trainer in der Bundesliga. Große Erfolge hatte er vorzuweisen, einen Drittligisten bis in die Bundesliga geführt, spektakuläre Erfolge in europäischen Wettbewerben eingefahren. Und dann mit einem Mal der Knick: Er legt sein Amt nieder, zieht sich zurück. Von Erschöpfungszustand ist die Rede - "Burn-out", wie man es modern nennt. Ralf Rangnick ist kein Einzelfall.
 
"Burn-out" scheint so etwas wie das Phänomen unserer Zeit zu werden. "Kollateralschaden" oder Schattenseite einer wirtschaftlich so erfolgreichen Gesellschaft. Warum sind Allergien, Burn-out oder Depressionen so im Steigen begriffen? Warum sind sie in allen Berufs- und Bevölkerungsgruppen anzutreffen - wie auch Alkoholabhängigkeit? Sind sie nicht Folgen und Ausdruck eines zunehmenden Drucks einer Gesellschaft, in der Zeit Geld ist, in der oft nur Erfolgsbilanzen (in Zahlen), gutes Funktionieren, die Verwertbarkeit des Einzelnen zählen? Es braucht, erst recht bei Männern, sicher einige Überwindung, sich und anderen einzugestehen: Ich brauche Hilfe. Wir alle haben unsere Techniken, diese Tatsache so lange wie möglich zu überspielen. Alkohol - nein, damit habe ich doch keine Probleme, ich habe doch alles im Griff!
 
Aber vielleicht macht gerade dies die Stärke eines Menschen aus: Wie ein Ralf Rangnick zu erkennen, hier läuft mein Leben auf einer abschüssigen Bahn, hier muss ich etwas ändern; beherzt und rechtzeitig die Änderung anpacken und auch erkennen, hier brauche ich Hilfe, und sich diese Hilfe dann ebenso beherzt holen. Es ist wohl eher ein Zeichen von Schwäche, davor ständig die Augen zu verschließen.
 
Der Weg aus der Depression, der Sucht und dem Burn-out ist lang und erfordert sehr viel an Stärke und Durchhaltevermögen. Was wir dabei brauchen, sind nicht zuletzt Wegbegleiter, einen Partner, gute Freunde, die auch zu mir halten, wenn ich vielleicht ein schwer erträglicher Zeitgenosse bin, und die auch nicht zu allem Ja und Amen sagen, sondern mir ins Gewissen reden, ja notfalls einen tritt in den Allerwertesten verpassen, um mich in die richtige Richtung zu bringen. Unser mitteleuropäisches Idelabild vom Individualisten, der alles im Griff hat und auf niemanden angewiesen ist, ist ein Trugbild.
 
Das Ganze ist aber auch eine Anfrage an uns alle, ob wir wirklich so weitermachen, so weiterleben wollen wie bisher, ob wir in Kauf nemen wollen, dass immer mehr auf der Strecke bleiben, in der Hoffnung, es wird schon nicht mich treffen, oder ob wir eine Form des Zusammenlebens finden, die weniger lebenszerstörend wirkt.
 
Vielleicht ist die Frage, wie ich Sündenvergebung erlange, oder Luthers Frage: "Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?" heute nicht mehr die zentrale Frage, die den christlichen Mitteleuropäer umtreibt, sondern eher: Wie kann ich überleben, wie kann ich bestehen in einer lebenszertörenden Welt? Und vielleicht müssen Kirchen und Christen Gott heute nicht mehr nur als Sündenvergeber, sondern umfassender als Quelle der Kraft, als Quelle des Lebens vermitteln.
 
Und wo uns - vielleicht oft unerwartet - solche Tiefpunkte im Leben ereilen, ist es aber auch möglich, dass wir sie nicht als etwas letztlich Zerstörendes, sondern als etwas Weiterführendes, unser Leben hilfreich Korrigierendes, als einen Augenöffner erleben. Tiefpunkte können auch zu entscheidenden Wendepunkten werden. Bei einem José Carreras war es dessen Leukämie-Erkrankung, die den Anstoß zu seinem so beeindruckenden humanitären Engagement gab, oder in der Geschichte unseres deutschen Volkes das Desaster von 1945, das den Weg zur Demokratie ebnete. Das meiste ist nicht auf dem Abkürzungsweg zu haben, und tiefgreifende Veränderungen beginnen selten über den Wolken, sondern eher in der Tiefe - wie, biblisch gesprochen, bei Jona im Bauch des Fisches.
 
Pfarrer Winfried Maier-Revoredo, Evangelische Kirchengemeinde Winnenden
 
 
 

Sonntagsgedanken zum 22. Januar 2012

Traum-Reisen 
Langsam füllt sich mein Kalender wieder mit Terminen, Sitzungen, aber auch mit Höhepunkten, mit Festen, in der Kirchengemeinde und privat. Und wenn ich nicht zu kurz kommen will, muss ich auch meine Urlaubstage 2012 mit den lieben Kollegen absprechen.
 
Ich reise gerne, lasse mich auf andere Menschen ein, und in Ansätzen auch auf eine fremde Sprache. Was so faszinierend am Reisen ist? Sicher auch, dass man Fremden begegnet und sich in der Begegnung auch selbst wieder anders sieht.
 
Andererseits will man sich auch ein wenig erholen, freut sich am Panorama und mag nicht immer wahrnehmen, dass es dahinter ganz anders aussehen mag. Auch die Kreuzfahrer auf der Costa Concordia wollten beides verbinden: möglichst viel zu sehen und zu erleben und möglichst komfortabel zu reisen, vermeintlich risikolos - so wie auf dem Traumschiff im Fernsehen. Doch dann erging es den vor der italienischen Insel Giglio Gestrandeten so wie afrikanischen Bootsflüchtlingen vor Lampedusa, die gerade das retten, was sie am Leib tragen, sofern sie mit dem Leben davonkommen. Die Traumreise ist für Tausende zum Albtraum geworden.
 
Reisen steht bei uns heute für Vergnügen. Früher waren vor allem die Kaufleute auf Reisen, oder diejenigen, die zu Hause kein Auskommen mehr hatten, oder diejenigen, die auf der Flucht waren.
 
In der Bibel wird auch von einem erzählt, der auf der Flucht war: Jakob, der nicht nur seinen Bruder Esau mit dem sprichwörtlichen Linsengericht betrogen, sondern auch seinen Vater Isaak belogen hatte. Er musste fliehen vor seinem Bruder, der vor Zorn raste. Er floh vor sich selbst und seinem schlechten Gewissen; und schließlich wollte er vor Gott fliehen. Doch dieser Gott hatte ihn bald eingeholt. Im Traum sah Jakob die Enkel auf und ab steigen auf einer Leiter, die in den Himmel führte. Im Traum hörte er auch die Stimme Gottes vom oberen Ende der Himmelsleiter: "Und siehe, Jakob, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land."
 
Jakobs Flucht wurde so zu einer Traum-Reise der anderen Art. Vierzehn Jahre dauerte diese Reise dann noch. Eine Zeit, in der er hart arbeiten musste, eine Reise, die ihn verändert hat. Denn er wusste sich von Gott begleitet - trotz allem. Und er konnte am Ende wieder zurückkehren, auf seinen Bruder zugehen und ihn mit sich versöhnen.
 
Die Traum-Reise des Jakob war keine klassische Traumreise, aber eine, die ihn verändert hat. Mehr kann man von einer Reise nicht verlangen.
 
Übrigens: Die Geschichte von Jakobs Traum-Reise findet sich in der Bibel im Buch Genesis/1. Mose Kapitel 28.
 
Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag. Seien Sie behütet!
 
Pfarrerin Sabine Wöhr, Evangelische Kirchengemeinde Beinstein
 
 
 

Sonntagsgedanken zum 15. Januar 2012

Die Größe Gottes und menschliche Größe
"Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen, der du zeigst deine Hoheit am Himmel." Diese Worte aus dem Psalm 8 gingen mir durch den Kopf, als wir zu Beginn dieses neuen Jahres mit unseren Skiern durch den weichen Schnee glitten. Die Sonne ließ die Bergspitzen der Dolomiten gelb leuchten und den Neuschnee glitzern. Welch eine faszinierende Natur - und wir mittendrin! Menschen haben in den letzten fünfzig Jahren rund um das Sella-Massiv Pisten angelegt, Gondeln und Sessellifte errichtet, so dass man einen ganzen Tag lang immer neue Abfahrten erleben und neue Aussichten genießen kann. Berauschend ist das.
 
Als wir zum Skibus wollten, gelangten wir bequem per Rolltreppe bis in die Ortsmitte. Das erinnerte mich an die Tagträume aus Kindertagen, wenn die Wanderungen mit den Eltern so mühsam waren, dass man sich einen fliegenden Teppich herbeisehnte. Und nun war das Wirklichkeit.
 
"Was ist der Mensch?", fragt der Beter des 8. Psalms. "Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott." Großartig ist es, wie Menschen die Natur zugänglich und nutzbar machen!
 
Aber zugleich verlieren wir das Maß. Viele Höhenmeter und große Entfernungen scheinen spielend leicht zu überwinden, alles scheint machbar.
 
Als am letzten Tag der Sturm wütete und kein Lift mehr fahren konnte, standen erst einmal alle ratlos da. So hatten wir uns diesen Tag nicht vorgestellt, die Pläne waren durchkreuzt. Die menschlichen Grenzen wurden uns angesichts einer gewaltigen Natur wieder bewusst.
 
Wir haben die Skier und Skischuhe verstaut, sind zu Fuß duch den Schnee gestapft und haben unsere Gesichter in der Jacke vergraben, um sie vor dem harten Schnee zu schützen. Wie schnell wir dabei erschöpft waren! Als wir dann noch von den Schneemassen in Österreich hörten, haben wir schnell unsere Sachen zusammengepackt und sind abgereist. Wir waren sehr froh, dass wir trotz schneebedeckter Straßen und schlechter Sicht die Fahrt gut überstandenhaben und wieder daheim waren.
 
Solche Erfahrungen sind heilsam. Denn leicht werden wir Menschen übermütig und lassen uns hinreißen zu einem Immer-Mehr, Immer-Höher, Immer-Schneller. Wir stehen in Gefahr, unsere Grenzen zu übergehen: Manchmal können wir die ganzen Eindrücke gar nicht verarbeiten, die in kürzester Zeit an uns vorbeiziehen. Manchmal passieren Unfälle, weil wir unsere Kräfte nicht mehr realistisch einschätzen. Wir übergehen aber auch die Grenzen, die Gott, der Schöpfer, in der Natur angelegt hat. Denn im Sommer sind diese abgefahrenen Wiesen und mit Liften zugebauten Hänge bestimmt nicht schön anzuschauen. Und wir führen uns den enormen Energieverbrauch lieber nicht vor Augen, den diese Lifte, Rolltreppen und Beschneiungsanlagen verursachen.
 
Es tut uns gut, ab und zu die Grenzen zu spüren, die Gott uns setzt. Wir können viel erleben, auch dank der technischen Errungenschaften der letzten hundert Jahre. Aber manches davon bleibt zwiespältig oder schlecht. Auch wenn mich die Rolltreppe beeindruckt hat, halte ich so viel Bequemlichkeit angesichts unserer Klimasituation für unverantwortlich.
 
Soll man den Skitourismus deshalb ganz ablehnen? Ich tue es nicht, weil das Skifahren für mich ein Auftanken für Körper und Seele ist. Aber genau das ist die Herausforderung, vor der unsere Generation steht: Jeden Tag aufs Neue müssen wir abwägen, wie viel wir uns gönnen und wo wir uns begrenzen lassen und nicht mitmachen, auch wenn es möglich und verlockend wäre. Und jeder und jede muss das für sich selbst entscheiden und auch mit den Kompromissen leben.
 
Mit dem 8. Psalm möchte ich Gott loben, dass er diese herrliche Natur geschaffen und den Menschen befähigt hat, so viel zustande zu bringen. Wir können tolle Dinge erleben! Aber ich möchte mich auch in die Schranken weisen lassen, zu meinem Wohl und zum Wohl unserer Welt. Denn nicht nur in unseren Werken, sondern auch in unseren Begrenzungen liegt menschliche Größe.
 
Pfarrerin Ingrid Wöhrle-Ziegler, Evangelische Kirchengemeinde Hohenacker 
 
 

Sonntagsgedanken zum 08. Januar 2012

Blinde Hoffnung?
Kaum dass das neue Jahr begonnen hat, treffen sich die üblichen öffentlichen oder privaten Bedenkenträger in ihren Beschreibungen der Wirklichkeit. Für die einen wird es ein schwarzes Jahr werden, die andern malen es in leuchtenden Farben. In der Verliebtheit in Extreme sind sie sich ähnlich. Und alle haben ihre Begründungen parat, in der Fortschreibung bestimmter Prozesse der Vergangenheit. Gleichgültig ob es sich um die Krise des Euro oder ob es um die Zunahme radikaler Gruppierungen handelt.
 
Und wer wie die meisten Menschen in einer Mischung aus Belohnung und Strafe aufgewachsen ist, der setzt zuerst einmal auf Strafe. Oder wenigstens auf Verbote. Beinahe in einem Rest an magischem Denken wird von der Kraft der Verbote eine Veränderung erwartet. Wie wenn man mit einem Verbot der NPD, einer Partei mit undemokratischen Vorstellungen, die menschenverachtenden Aussagen vieler Menschen in unserem Staat abschaffen könnte. Sicher können Verbote hilfreich und nützlich sein, aber man muss schon genau hinsehen, um zu erkennen, ob sie überhaupt durchführbar sind und ihren eigentlichen Sinn erreichen.
 
Um Menschen zu mehr Menschenfreundlichkeit zu bewegen, um die Angst vor Fremden zu mildern oder gar den Hass auf andere zu verhindern, dazu sind Verbote wenig geeignet. In der Erziehung mag man am Reiben an sinnvollen und das Leben schützenden Geboten sicher auch wachsen oder in der Umgehung an nur Machtverhältnisse schützenden Verboten auch kreativ werden, aber in einem Gemeinwesen braucht es einen längeren Atem. Nicht umsonst werden Menschenrechte gesetzlich geschützt, als eine Art Rahmen für das Verhalten der Gemeinschaft – notwendig auch deshalb, weil die Menschenrechte immer und viel zu häufig gebrochen oder nicht beachtet werden.
 
Hinter den Menschenrechten steht die religiöse Grundaussage, dass ein Leben nur als soziales Leben möglich ist, in der Ausrichtung in der letzten Konsequenz an den Schwachen. Sie sind zu stärken, sie sind einzubeziehen. Das meint der Gedanke der Inklusion. Keiner soll von der Fülle des Lebens ausgeschlossen werden – oder nicht so steil gesagt, so weit wie möglich teilhaben können.
Von selbst ist dazu wohl keiner fähig, außer er hat es selbst erfahren. In der Liebe der Eltern, der Freunde, bis dahin, auch im Beruf ernst genommen zu sein. Es gibt auch eine Art der Liebe in Strukturen, bis hinein in die Ausgestaltung von Schulgebäuden oder der Arbeitsplätze. Wer sein Leben lang auf falschem Stuhl sitzen muss, der verhockt nicht nur, der hat auch am Ende seine Rückenprobleme und womöglich im Leben auch kein Rückgrat mehr. Der lässt mit sich geschehen, was auf ihn einstürmt.
 
Unser Glaube weiß von einem anderen Leben. Dies kann erzählt werden, erlebt werden. Ich weiß, als Kirche werden wir immer wieder, oft unbedacht und unbeabsichtigt, ebenfalls an Menschen schuldig. Werden den eigenen Ansprüchen nicht gerecht, besonders wenn sie zu vollmundig vor sich her getragen werden. Die Jahreslosung für das Jahr 2012 aus dem 2. Brief an die Korinther lautet: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Und der notwendige Vorsatz sei ergänzt: Lass dir an meiner Gnade genügen.
 
Ein steiles Wort, das in kleiner Münze umgesetzt werden kann, um Hoffnung zu schenken. Keine blinde Hoffnung. Denn jeder Mensch hat ein Recht auf Liebe, auf Verständnis. Und schon in Spuren der Liebe, die jemand erfährt, entsteht eine Kraft zum Leben, auch zum Widerstand gegen vieles an Menschenverachtung und Ungerechtigkeit. Das Leben ist dann nicht nur schwarz – weiß, sondern bunter. Es können keine einfachen Lösungen mehr benannt werden, vielleicht auch gar keine. Aber man bekommt in der Schwäche die Kraft, das Leben zu gestalten und nicht nur auszuhalten.
 
Dekan Eberhard Gröner, Evangelischer Kirchenbezirk Waiblingen  
 
 
 

Gedanken zu Epiphanias

 

Mit der Jahreslosung für das Jahr 2012 wünsche ich Ihnen ein gutes und gesegnetes Neues Jahr: "Jesus Christus spricht: meine Kraft ist in den Schwachen mächtig." (2. Kor. 12,9) Dies ist sicher eine der tröstlichsten Zusagen, denn hier scheint ein alltägliches Lebensgesetz durchbrochen zu sein, das uns diktieren will, dass nur der Starke stark und der Schwache eben schwach ist. Und nun hören wir vom Gegenteil. Bei Gott gilt jenes harte Lebensgesetz nicht. Da dürfen wir aufatmen und Kraft schöpfen, weil seine Kraft in den Schwachen mächtig ist.



Oft sind es gerade Äusserungen und Texte kranker und alter Menschen, die uns eine Ahnung davon geben, wie viel Kraft auch in Schwachheit liegen kann, und wie viele Bereiche unserer Seele durch ständigen Aktivismus und übersteigerten Leistungsdruck verschüttet sind. Und manchmal scheint es so, als ob uns erst abnehmende Kräfte aufhorchen lassen und uns herausreissen aus vielen banalen Alltäglichkeiten und uns neu fragen lassen nach dem Sinn unseres Lebens.
 
Ein Dokument eines Lebensverständnisses, das Produktivität ganz gewiss nicht gering schätzt, findet sich in den Bemerkungen des italienischen Rechtsphilosophen Noberto Bobbio: "Ungeachtet aller Ehrungen und Preise, ungeachtet aller öffentlichen Würdigungen, die mir zwar willkommen waren,die ich aber nicht angestrebt und benötigt habe, wurden mir die dauerhaftesten Freuden meines Lebens keineswegs aus den Früchten meiner Arbeit zuteil. Sie wurden mir durch mein Leben in menschlichen Beziehungen geschenkt, durch die Lehrer, die mich unterrichtet haben, durch die Menschen, die ich geliebt habe und die mich geliebt haben, durch alle jene, die mir immer nahegestanden haben und mich jetzt auf dem letzten Abschnitt des Weges begleiten." 
 
Ja Mensch-Sein ist mehr als Produktivität. Mensch-Sein lebt von Beziehungen untereinander und vom Angesehen-Werden von Gott. Und Gottes Ja zu uns ereignet sich konkret da, wo Menschen fürsorglich aufeinander eingehen und 

barmherzig miteinander umgehen. In einem Gedicht von Gunda Schneider-Flume finde ich Tröstliches: 
"Erbarmen-schöpferischer Lebensgrund.
Nicht für sich oder an sich ist ein Mensch.
Erbarmen gibt ihm teil an mehr als seinem Ich. 
Es ist der Sinn der Möglichkeit, den die Geschichte Gottes ihm verleiht.
Sie trägt auch wo die Kraft versagt, 
denn ein "es lohnt nicht" gibt es nicht,
wo das Erbarmen Gottes herrscht.
Gedenken sorgt für jedes Menschenkind und leitet es in neuen weiten Raum.
Der Weg vom Kreuz zum Ostermorgen bürgt dafür."


Pfarrerin Beate Hirsch, Evang. Altenheimseelsorgerin Waiblingen - Fellbach - Winnenden
 
 


Gedanken zu Silvester

Vertrauen schaffen
Vier Europäer wollten unter der Führung eines Indios den Berg Popocatépetl besteigen. Der Gipfel war mit Eis und Schnee bedeckt. Da stießen sie auf eine Gletscherspalte; sie war ca. zwei Meter breit. Alle nahmen Anlauf und sprangen hinüber - bis auf einen. Ihm zitterten die Knie. Der Indio beobachtete ihn aufmerksam. Nach einer Weile ging er an den Rand der Splate, zeigte mit der Hand hinüber und sagte mit ruhiger fester Stimme: "Spring!" Der ängstliche Bergsteiger sprang und landete sicher auf der anderen Seite. Die Bergbesteigung konnte fortgesetzt werden. Die ruhige Haltung des Indios hatte das Vertrauen hergestellt.
 
Vielleicht ist dieser kurze Wanderbericht ein Gleichnis für unseren Lebensweg. Da können sich plötzlich Hindernisse in den Weg stellen. Und da ist es gut, wenn wir Vertrauen gewinnen. Vertrauen ist in dreifacher Hinsicht wichtig. Da ist zuerst das Selbstvertrauen. Der Bergsteiger gewann Vertrauen in seine Fähigkeit, auch schwierige Hindernisse zu überwinden. Dann ist auch das Vertrauen in unsere Mitmenschen zentral. Gewiss, da können manche von Enttäuschungen erzählen. Aber hoffentlich haben wir alle schon Begegnungen gehabt, die uns in schweren Zeiten gut getan haben. Manche nennen noch eine dritte Art des Vertrauens: das "Ur-Vertrauen" oder "Gottvertrauen". Es ist das schwer zu beschreibende Gefühl, als ob unter uns auch in schweren Situationen ein Sicherheitsnetzt gespannt ist.
 
Für das neue Jahr wünsche ich uns allen immer neu dieses Vertrauen in seinen unterschiedlichen Arten. Doch eine Art von Vertrauen ist bei mir in den letzten Jahren heftig beschädigt worden. Ich halte nämlich auch das Vertrauen für wichtig, dass in unserer Gesellschaft soziale Gerechtigkeit herrscht. Doch da traue ich den meisten Politikern seit Hart IV und seit den sogenannten Gesundheitsreformen nicht mehr über den Weg. Und ich befürchte, dass nicht die "Absahner", sonder der "kleine Mann" durch ungerechte und unsoziale Sparbeschlüsse für die Schulden- und Finanzkrise zur Kasse gebeten wird. Hier sollten wir keineswegs vertrauensselig sein, sondern sehr wachsam! 
 
Dieser Vertrauensschwund in die soziale Gerechtigkeit beschädigt unsere Gesellschaft und untergräbt das Selbstvertrauen unserer benachteiligten Mitmenschen. Deshalb wünsche ich für das neue Jahr, dass unsere Politiker hier endlich vertrauensbildende Maßnahmen ergreifen. Nur dann kann es wirklich ein gutes neues Jahr 2012 werden.
 
Pfarrer Thomas Rabus, Evangelischer Klinikseelsorger am Klinikum Schloss Winnenden/Zentrum für Psychiatrie
 
 
 
 
 


Gedanken zu Weihnachten

So kommt Gott zur Welt
Weihnachten - ein unvergleichliches Fest! Jedes Jahr Weihnachten - immer dasselbe, doch jedes Jahr neu. Kein anderes Fest löst so viel Anteilnahme aus. Auch Menschen, die weit weg sind von Glaube und Kirche, werden berührt. Mit diesem Fest verbindet sich eine Ahnung von heiler Welt. Wenn schon das Jahr über vieles quergelaufen ist, an Weihnachten muss es gut sein. Ausgerechnet an Weihnachten.... sagen wir beim Aufenthalt im Krankenhaus, beim Unfall auf der Straße, bei gestörten Beziehungen. Die Zeitung gibt Ratschläge, wie wir an Weihnachten Streit vermeiden können.
 
Ausgelöst hat solche Hoffnung auf eine bessere Welt ein Kind, schwach, hilflos, in Windeln gewickelt wie jedes andere Kind, arme Eltern ohne Dach über dem Kopf, seine Wiege ist ein Futtertrog. Und dann die ungeheure Botschaft: So kommt Gott zur Welt. So weit herunter kommt er. So will er uns treffen, ganz gleich, wie weit wir heruntergekommen sind. Weihnachten verkündet: Gott ist anders. Nicht ganz oben ist er zu finden, sondern ganz unten, wahrlich ein Gott auf unserer Augenhöhe, dort, wo wir uns gerade vorfinden.
 
Dies haben bestimmt jene Künstler verstanden, die das Geschehen der Heiligen Nacht in die heimatliche Landschaft gemalt haben. In meinem Weihnachtsbild müsste die Krippe mit Maria und Josef und dem Kind zu entdecken sein auf dem Waiblinger Marktplatz, in einem Nobelviertel oder neben einer abbruchreifen Wohnung, an einem Krankenbett oder einem Pflegeheim, einer Kinderklinik oder einem Hospiz, an einer Gefängnismauer ebenso wie an einem edlen Bungalow. 
 
Das Kind in der Krippe meint jeden, keiner wird vergessen. Alle stehen auf der Adressenliste der "Weihnachtspost":
 
"Dieses Kind im Stroh möge dir ein Segen sein,
nicht nur zur Weihnachtszeit.
Dieses Kind möge Freude in dir wecken
über die kleinen und großen Wunder des Lebens.
Dieses Kind möge dir Zeit schenken,
das Leben zu entdecken und zu genießen.
Dieses Kind möge dich dein Leben als Geschenk erfahren lassen.
Dieses Kind möge dich daran erinnern,
was dir wichtig ist im Leben
und dir viele schöne Stunden schenken.
Dieses Kind möge dir ein Segen sein,
nicht nur zur Weihnachtszeit."
(Katrin Riebl)
 
Pfarrer Franz Klappenecker, Katholische Kirchengemeinde St. Antonius, Waiblingen
 
 
 

Internetportal der Evangelischen Landeskirche in Württemberg

Kalenderblatt


Service


Landeskirche