Sonntagsgedanken zum 22. Juli 2018

Vormütter

Lange war der Kampf unserer Vormütter, bis im November 1918 endlich das Wahlrecht auch für Frauen galt. Elly Heuss-Knapp, die Frau des späteren Bundespräsidenten und selbst stets eine politisch aktive Frau wurde beauftragt, Slogans für Plakate zu kreieren. Diese Slogans sollten Frauen ermutigen, ihr Wahlrecht auch wahr zu nehmen. Es ging die Sorge um, die Frauen würden sich durch die Häme der Männer verunsichern lassen und dann nicht ihr Wahlrecht ausüben.

1919 eine der ersten Wahlen, die evangelische Kirchenwahl in den Kirchengemeinderat. In Waiblingen stellten sich zwei Frauen zur Wahl, Amalie Volz und Emma Bälz. Keine der beiden wurde gewählt. Amalie Volz war mit dem Leiter des Finanzamtes verheiratet, hatte drei Kinder und wohnte neben der Seidenweberei Küderli. Für die Arbeiterinnen dort gründete sie den evangelischen Arbeiterinnenverein. Nach der Versetzung ihres Mannes nach Esslingen gründete sie dort die erste evangelische Mütterschule in Württemberg.

Ihre in Waiblingen geborene Tochter Lenore kämpfte später dafür, dass in Württemberg auch Frauen zu Pfarrerinnen ordiniert werden. Das liegt nun fünfzig Jahre zurück.

Mutige Frauen in ihrer Zeit, auf deren Schultern wir heute stehen. Frauen, die sich durch die oft mäßig intelligenten Sprüche von Männer nicht beirren ließen.

Mutige Frauen finde ich auch immer wieder in den Geschichten der Bibel. Eine meiner Lieblingsgeschichten steht im 7. Kapitel des Markusevangeliums. Eine ausländische Frau mit einem kranken Kind bittet Jesus um Heilung. Er sieht sich nur für die Kinder Israels zuständig, sie begibt sich mutig in eine Diskussion mit Jesus. Jesus verändert seine Haltung und heilt das Kind. Beide imponieren mir. Jesus, der sich den Argumenten der ausländischen Frau nicht verschließt und eine andere Sicht gewinnt. Die Mutter, die alles dransetzt, damit ihrem Kind geholfen wird.

Frauen, die ihre eigene Sicht auf die Dinge und ihre Gaben und Talente einbringen braucht es zu jeder Zeit. 2019 stehen Kommunalwahlen und auch Kirchenwahlen an und es braucht wieder viele Frauen, die sich ermutigen lassen sich zur Wahl zu stellen. Frauen, auf deren Schultern die nächsten Generationen stehen können. 

Diakonin Kornelia Minich, Evangelische Kirchengemeinde Waiblingen


                     

Sonntagsgedanken zum 15. Juli 2018

Es war Sonntag, wunderschönes Wetter und so ließen wir uns mit gutem Essen in einer gemütlichen Gartenwirtschaft verwöhnen. Mit den Worten „Heute empfehle ich Sauerbraten oder Kalbsbraten“ empfing uns eine sehr freundliche Bedienung. Nein, den Kalbsbraten nehmen wir nicht, hatte uns doch kürzlich ein Freund erzählt, dass die Kälbermast sehr qualvoll ist für die Tiere. So genau wussten wir es allerdings nicht.

Das hat sich nun geändert, denn ein paar Tage später sah ich zufällig zu diesem Thema eine Reportage. In äußerlich makellosen Ställen (hinein darf man meistens nicht) müssen die Bullenkälber bis zur Schlachtung Milch – besser gesagt eine chemische Brühe mit viel Palmöl – trinken, weil normale Fütterung mit Gras oder Heu das Fleisch durch den Eisengehalt nicht weiß, sondern rosa werden lässt. Für die Tiere bedeutet das Stress und viele Schmerzen, was man daran erkennen kann, dass der größte Teil der Tiere bei der Schlachtung zahlreiche Magengeschwüre hat.

Manche Bauern haben schon umgesattelt. Sie sind nicht mehr bereit, weißes Fleisch zu produzieren, sondern nehmen weniger Profit in Kauf, um die Tiere artgerecht zu halten.  Und nein – ich werde nun nicht moralisch. Ich möchte unsere Aufmerksamkeit schärfen, unser Herz empfindsam machen für diese Not, ehrlich hinschauen auf das, was unser Konsumverhalten so mit sich bringt und ob es uns das wert ist. Hinschauen ist der erste Schritt, auch wenn ich damit noch nicht die Welt verändere. Einen Blick bekommen für unser Beuteverhalten, wie ich es einmal nennen möchte.

Lange hat es gedauert, bis die Menschen lernten, dass die Schwarzen nicht die Beute der Weißen sind und die Frauen nicht die Beute der Männer – und wir lernen noch immer. Wir müssen lernen, die Menschheit muss lernen, dass die Schöpfung nicht ihre Beute ist, nicht auszubeuten ist, weil sie Würde hat, die Würde eines Geschöpfs.

Es ist eine heillose Arroganz des Menschen zu glauben, das Wesen der Schöpfung sei, Beute des Menschen zu sein. Manche führen an, dass der erste Schöpfungsbericht doch selber dazu beigetragen habe, wenn er sagt, der Mensch solle sich die Erde untertan machen und über sie herrschen. Wenn man genau hinschaut, ist aber etwas ganz Anderes damit gemeint. Damals wohnten die Menschen in Zelten, d.h. jedes wilde Tier, das die Menschen nicht beherrschten, konnte zur tödlichen Gefahr werden.

Es geht hier darum, tödliche Gefahren zu beherrschen. Diese heißen heute aber in der Regel nicht mehr Tiger und Bär, sondern z.B. Klimawandel, Plastikmüll, zu viel Fleischkonsum. Der Auftrag Gottes heißt: beherrscht die Gefahren. Lasst die Schöpfung nicht zur Beute verkommen. Das ist unsere Mitverantwortung. Alles was lebt hört auf Beute zu sein, wenn wir darin Gottes Schöpferhand erkennen. Auch wir selber, sie und ich tragen die Schöpferwürde in uns und darum hat Gott uns zu seinen guten Haushaltern gemacht –zum Segen, nicht zum Fluch für seine gute Schöpfung.

Ach ja – sie denken nun an den heißen Stein? Auch ein heißer Stein wird irgendwann nass, wir könnten schließlich viele sein.

Pfarrerin Irmgard Kaschler, Paulinenpflege Winnenden


Sonntagsgedanken zum 01. Juli 2018 (Winnender Zeitung)

Aus und vorbei
Dass der Weg kein leichter werden würde, war allen klar. Dass nach dem Hoch-Auf-Uns wieder ein Ganz-Tief-Unten folgen würde, hört sich zwar nach Gesetzmäßigkeit an, war aber doch einfach hart und kaum zu fassen. 

Plötzlich ist es soweit. Da werden Anzeichen übersehen, die einen stutzig hätten machen sollen, da denkt man, das wird schon noch und plötzlich geht gar nichts mehr. Aus und vorbei. Eine langjährige Beziehung geht von heute auf morgen in die Brüche. Der Partner geht und die Frage bleibt: Warum? Eine lang besiegt geglaubte Krankheit kehrt zurück und stellt alles in Frage, was gerade so gut lief. Wie geht’s jetzt noch weiter?

Aus und vorbei – das gibt es nicht nur im Fußball, das ist manchmal harte Realität. Auch die Bibel kennt diese Schicksale und Jesus begegnet den Menschen, die an einem solchen Tiefpunkt in ihrem Leben angekommen sind. Ihnen und uns sagt er: Egal, welche Rückschläge, Enttäuschungen, Niederlagen oder Ängste ihr erlebt – in Gottes Augen seid ihr immer geschätzt, wertgeachtet und geliebt. Für die Verlorenen, sagt Jesus – für die, die verloren haben, die sich verloren fühlen, die Niederlagen oder Verluste erlitten haben, für die bin ich gekommen. Um sie zu finden. Damit sie erkennen, dass sie noch einen festen Boden unter den Füßen haben. Dass es eben doch weitergeht.

Im Fußball ist nie alles aus und vorbei. Es gibt immer ein nächstes Spiel, ein nächstes Turnier. Auch für uns ist nicht alles aus und vorbei. In jeder ausweglosen Situation und noch über den Tod hinaus, geht der Weg Gottes mit uns weiter.

Pfarrer Philipp Essich, Evangelische Kirche Winnenden


Sonntagsgedanken zum 01. Juli 2018 (Waiblinger Zeitung)

Garten – Schatz des Lebens
Selten waren die Gärten so prächtig wie in diesem Jahr. Ein Garten ist zwar nicht das Paradies, wie in der biblischen Geschichte, kann aber doch paradisisch guttun. Hier erhole ich mich. Ich tanke auf. Ich atme den Duft der Blumen, und meine Augen freuen sich an der täglich sich verändernden Farbenpracht. Hier werden alle meine Sinne angesprochen sind: das Sehen, das Riechen, das Hören, das Schmecken und das Fühlen. Ich spüre die Fülle des Lebens in aller Schönheit. Hier bin ich bei mir und damit auch ganz bei Gott, dem Schöpfer der Welt.

Ein Garten ist ein Ort, um bei mir zu sein, zur Rekreation. Ausgleich zum täglichen Trubel, ein Rückzugsort, und zugleich ein Ort um die eigene Lebendigkeit neu zu erfahren, wenn ich rieche, schmecke, höre, sehe und taste. Der Garten – ein himmlischer, ein paradiesischer Ort. Der Schöpfer schenkt sich in seiner Schöpfung, und ich bin mittendrin.

Ein Garten ist ein Schatz für mein Leben, ein Ort, um die Fülle zu entdecken, die Gott bereitet und mir für mein Leben schenkt. Das Summen der Bienen, das Zwitschern der Vögel, die täglich wechselnde Farbenpracht der Blumen. Ein voller Strauß von Eindrücken, die täglich wechseln. Der Rhythmus des Jahres, die Jahreszeiten, spiegelt sich im Garten wider. Alles ist lebendig und verändert sich.

Im Garten fing alles an und in einem Garten wird es auch enden. Das Paradies ist ein Garten der Fülle. Ein geschützter Raum. Die Sehnsucht des Menschen nach dem verlorenen Paradies, nach Fülle und Schutz ist ja vielleicht auch die unbewusste Hoffnung jedes Hobbygärtners, dass er zumindest ein kleines Stück dieses Paradieses in seinem Garten wieder erleben darf. Wie die ersten Menschen im Einklang, in Harmonie mit Gott und der Natur zu leben.

Am Anfang der Schöpfung steht der Garten, der Garten Eden, wo alles gut und in Ordnung war. Am Ende wartet wieder ein Garten, das Paradies, wo auch wieder alles gut und in Ordnung ist. Hier auf Erden, in unserem Leben, haben wir Gärten als Geschenk für das Leben und für unsere Lebendigkeit. Ich ahne etwas von Gott und von seiner lebendigen Kraft.

Pfarrerin Anne Koch, Evangelische Kirchengemeinde Beinstein


Sonntagsgedanken zum 17. Juni 2018 (Winnender Zeitung)

Gastfreundschaft

Kennen Sie die Geschichte von Philemon und Baucis, die Ovid in seinem Metamorphosen erzählt?
Philemon und Baucis lebten der Sage nach in Phrygien (heute Türkei). Sie waren ein alt gewordenes Ehepaar, die in sehr ärmlichen Verhältnissen lebten. Eines Abends klopften zwei müde Wanderer an ihr armseliges Häuschen und baten um Unterkunft und etwas zu Essen. In der ganzen Stadt hatten sie niemanden gefunden, der sie aufgenommen hatte. Für Philemon und Baucis war das Gastrecht heilig, und sie nahmen die beiden auf und teilten mit ihnen das, was sie hatten und entschuldigten sich dafür, dass es so wenig war.
Am nächsten Morgen, als die beiden Fremden sich verabschiedeten, stellte sich heraus, dass es der Göttervater Zeus und sein Sohn waren, die sie beherbergt hatten, und die sie nun beim Abschied reicht beschenkten. Soweit die Sage.

Wenn das die anderen in der Stadt vorher gewusst hätten, wer die beiden waren, ob das Ihr Verhalten gastfreundlicher gemacht hätte? Gastfreundschaft und Gastrecht spielen bei uns im Alltag heute keine so große Rolle mehr wie noch heute im Orient oder früher auch bei uns. Wir sind Dank des Fortschritts nicht mehr so auf einander angewiesen, dass wir das Gastrecht zum Überleben brauchen.

„Gastfreundschaft“ das kennen wir aus dem Urlaub. Dort genießen wir sie und freuen uns darüber ohne Notlage. Gastrecht und Gastfreundschaft sind aber auch Begriffe, die in den letzten Jahren im Rahmen der vielen Flüchtlinge in unserem Alltag auftauchen. Gastrecht und Gastfreundschaft, offene Türen, miteinander teilen, was wir haben, sich unterbrechen lassen und Zeit zur Verfügung stellen, sich Einlassen auf Unbekanntes, das macht oft Angst, das kommt ungelegen und stört. Warum sollten wir das tun?

Philemon und Baucis, so die Sage, ließen sich anrühren von den in Not geratenen Wanderern. Vielleicht haben sie sich auch vorgestellt, was sie sich wünschen würden, wie man mit ihnen umgeht, wenn sie an der Stelle der nächtlichen Bittsteller wären. Sie haben sich eine Nacht lang eingelassen auf das Leben dieser in Not Geratenen. 

Es muss nicht der Flüchtling sein, es kann unser Nachbar oder eine Zufallsbegegnung auf der Straße sein, die auf unsere „Gastfreundschaft“ vertraut. Es kann z. B die verzweifelte junge Mutter aus dem Wohnhaus sein, die jemand braucht, bei dem sie ihr Kind schnell für eine Stunde lassen kann. Könnte ich mich da spontan darauf einlassen, mich in meinem Tun unterbrechen lassen?

Warum sollte ich das tun? Gastfreundschaft kann nicht mit einer Gegenleistung rechnen! Aber - so eine uralte Erfahrung – keine echte Begegnung lässt mich unverändert, unbeschenkt zurück. Im Monatsspruch für den Monat Juni heißt es „Vergesst die Gastfreundschaft nicht, denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.“ Hebräer 13, 2

Gastfreundschaft ist ein Geben und Nehmen! Und der Monatsspruch lädt uns ein ohne Druck, es einfach auszuprobieren, wie es ist, sich unterbrechen zu lassen, offene Ohren, Herzen, Türen zu haben und uns davon überraschen zu lassen, wer wem zum Engel wird! Überraschen zu lassen, welchen Segen Gott in offenen, gastfreundschaftliche Begegnungen legt.  

Ich wünsche Ihnen Mut und Neugier und viele gute Erfahrungen.

Pfarrerin Cornelia Pfefferle, Evangelische Kirchengemeinde Schwaikheim 


Sonntagsgedanken zum 17. Juni 2018 (Waiblinger Zeitung)

Fußball-Götter?

Wenn nun wieder die Fußball-WM startet, fragt sich mancher, ob es zwischen Himmel und Erde noch Anderes gibt als die Frage, wer Weltmeister wird. Als ob Fußball so etwas wie eine Religion wäre.

Nun kann man zumindest für die Zuschauer Züge eines Kultes im Fußball entdecken. Geht es doch im höchsten Maße um Emotionen. Da werden Helden in den Himmel gehoben und andere als Versager verdammt. Rituale und Symbole werden gepflegt, vom Absingen der Nationalhymne bis hin zur Kleidung der Fans. Es wird viel über Gerechtigkeit und Glück diskutiert, Tränen der Freude oder der bitteren Enttäuschung fließen. Selbst vom „Fußballgott“ ist manchmal die Rede.

Sind Fußballer unsere wahren Götter? Wer hinter die Kulissen des Spitzensports blickt, entdeckt Menschen „wie du und ich“: mit Stärken und Schwächen, Hoffnungen und Befürchtungen, Erfolgen und Niederlagen, kleinen Eitelkeiten und großen Sehnsüchten und Träumen. Zu Idolen - das griechische Wort Idol bedeutet „Götterbild“ - werden sie durch ihre Leistungen; für manche auch durch die Millionensummen, die sie „verdienen“.

Was ich faszinierender finde als den ganzen Zirkus ums Geld ist die andere Seite, wo es nicht nur um Leistung und Können geht. Denn da ist das Spiel Abbild des wirklichen Lebens: Viele Menschen haben Kraft und Können, Verstand und Einsatzbereitschaft, aber dazu muss noch jenes Quäntchen Glück kommen, das wir nicht in der Hand haben. Manche Fußballer, die sich nach einem gelungenen Torschuss bekreuzigen, erinnern uns daran, dass sie diesen Erfolg nicht nur sich selber zuschreiben.

Und noch etwas: Fußball übt ein in das Leiden und Mitleiden, in die Solidarität mit dem Scheitern: Fremde fallen sich in die Arme und trösten sich, tapfer werden anfeuernde Siegesgesänge zelebriert, obwohl der Rückstand beträchtlich ist. Wo die Emotionen nicht in Gewalttätigkeiten ausarten, sondern Niederlagen solidarisch bewältigt werden, da könnten wir als Kirche doch fast noch etwas lernen von der „Fußballgemeinde“.

Fußballer müssen nach bitteren Niederlagen die Kraft zum Weitermachen finden, Sieg und Niederlage liegen oft dicht beieinander. Als „Götter“ sind sie allemal überfordert.

Oliver Kahn, der Kommentator und frühere Torhüter mit dem grimmigen Gesicht, antwortete auf die Frage nach dem „Fußball-Gott“ einmal: „Es gibt nur einen Gott“ - und er wies himmelwärts. Dem möchte ich nur hinzufügen, was auch Fußballern in der Kirche zugesagt wird: Christus spricht: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“. 

Pfarrer Karl Frank, Evangelische Kirchengemeinde Hohenacker


Sonntagsgedanken zum 10. Juni 2018

Online sein

Liebe Leserinnen und Leser,
es gibt in der Bibel das bekannte Gleichnis von dem einen Sohn, der seinen Vater verlässt und in die Fremde geht. Er verschwendet sein Erbe, seine Ressourcen. Und nach einer Weile, wie er so fern von dem Vater ist, leidet er Mangel. Ein Mangel, der ihn erneut aufbrechen lässt.

Ich glaube: Dieses Gleichnis vom verlorenen Sohn ist die Geschichte der Menschheit. Und diese Geschichte wiederholt sich. Menschen sind entfernt von ihrem Ursprung, fern von ihrem Schöpfer. Wie es kam, dass sie sich von ihrem Ursprung entfernt haben, hat viele Facetten. Es sind nicht immer individuelle Gründe. Es ist auch ein kollektiver Zusammenhang.

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn zeigt: Eine Aufgabe der Menschheit besteht darin, zurückzufinden zum Schöpfer. Wieder in Kontakt zu kommen mit dem Ursprung, mit der Quelle, und in dieser Verbindung zu leben. Und die jüngere Generation kann die Spiritualität auch wieder entdecken.

Man kann das Verbundensein mit dem Schöpfer mit einer WLAN-Verbindung vergleichen, also mit der Internetverbindung, die per Funk geschieht. Wenn die WLAN-Verbindung hergestellt ist, dann ist ein Datenaustausch möglich zwischen Gott und den Menschen. Die Menschen können Gott Nachrichten schicken – nennen wir es „Gebet“ – und es kommen Daten zurück – nennen wir es Antwort Gottes oder „Gottes Zeichen im Alltag“.

Bei der Bahn gibt es ja inzwischen auch WLAN-Empfang. Neulich bin ich wieder mit der Bahn gefahren, nach Schleswig-Holstein. Dabei ist es so, dass in den Tunneln oft die Internetverbindung abbricht. Bei Gott dagegen ist es anders: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.“ (Psalm 23,4) Gottes WLAN-Verbindung steht auch in Tunnelphasen des Lebens.

Manche leben ganz „offline“ in Hinsicht auf das Göttliche. Darin sehe ich keinen Vorteil. Es gibt so viele Daten, die wir Menschen empfangen; aber die Daten, die der Schöpfer schickt, kommen nicht zu uns durch. Es sind vielleicht auch die Daten unseres Herzens, unseres Gewissens, unseres Körpers, die wir nicht wahrnehmen. Mit Gott in Verbindung leben, heißt auch mit dem eigenen Herzen, mit dem eigenen Gewissen in Verbindung sein. Das ist der Kern des Glaubens. Ich wünsche Ihnen immer guten Empfang.


Pfarrer Dr. Sönke Finnern, Evangelische Kirchengemeinde Bittenfeld


Sonntagsgedanken zum 03. Juni 2018

„Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“
Dieser Satz des österreichischen Religionsphilosophen Martin Buber ist vielen von uns bekannt. Doch was ist Begegnung? 

Martin Buber meinte mit Begegnung kein entspanntes Flanieren auf den Straßen der Städte, bei dem Menschen vor unseren Augen vorbeigehen, wir sie aber wenig wahrnehmen, geschweige denn, sie aufmerksam betrachten. Er hatte nicht flüchtige Augenblicke im Sinn, die uns lediglich Äußerlichkeiten zeigen, aber nicht die Seele der Menschen aufleuchten lassen, auf die wir im öffentlichen Raum zufällig treffen. Absichtslos schlendern, Gewohnheiten im Alltag teilen - hier sieht man sich eben, aber man begegnet einander nicht im Buber'schen Sinn. 

Begegnung ist tiefer. Sie ist Zufall, überraschende Zuwendung, auch mitunter schutzlose Unmittelbarkeit. Sie stiftet Sinn, weil die, die sich wirklich begegnen, dem anderen Menschen in der Tiefe seiner Seele begegnen. Solche Begegnung ist dann auch Anfrage an mich selbst und an den Anderen: wer bin ich? Wer bist du? 

Einer wahren Begegnung kann ich mich darum nicht entziehen. Sie ist weder von Routine noch von Konvention geprägt. Begegnung geschieht aus sich heraus und ist Widerfahrnis. Und so kann man eine Begegnung nicht ungeschehen machen. Man muss sich ihr in irgendeiner Art und Weise stellen; und damit ist Begegnung existentiell. Darin zeigt sich auch die Macht der Begegnung, dass sie eben beides sein kann: beglückend und fremd, voller Verheißung und voller Befremdung. 

Auch das Neue Testament erzählt uns von vielen Begegnungsgeschichten. Und es spricht als gute Nachricht, als Botschaft des auferstandenen Christus vom Leben in Fülle, von Erlösung, von überwundenen Abgründen. Jesu Leben war geprägt vom wirklichen Leben im Buber'schen Sinne. Jesus hatte eine wunderbare Ausstrahlung auf Menschen, er nahm sie bedingungslos an, erreichte sie in der Tiefe ihrer Seele und heilte sie. 

Aber auch Fremdheit und tiefes Befremden konnte er auslösen, gerade weil Jesus den Himmel für alle öffnete. Ja, alles wirkliche Leben ist Begegnung. Die sommerlichen Tage laden uns ein, hinaus zu gehen, und Menschen mit offenen Augen und Herzen zu begegnen. Begegnung kann dann auch heißen: Mensch und Natur, Mensch und Gott begegnen sich. Öffnen wir uns den vielfältigen Möglichkeiten, dann werden wir beschenkt, bereichert und gehen aus Begegnungen gestärkt und verändert heraus. 

Pfarrerin Beate Hirsch, Altenheimseelsorgerin im Kirchenbezirk Waiblingen


Sonntagsgedanken zu Fronleichnam, 31. Mai 2018

Der Brotkuss
Im Zentrum des katholischen Fronleichnamsfestes steht das kleine runde Stück Brot, Hostie genannt; es wird feierlich durch die Stadt getragen und erinnert daran: Jesus hat am Abend vor seinem Leiden und Sterben Brot genommen, hat es gesegnet und gebrochen und ausgeteilt mit den Worten: So wie ich dieses Brot nehme und an euch austeile, so gebe ich mein Leben für euch - aus Liebe, und auch ihr sollt Brot sein, einer für den andern, eine für die andere.

Brot ist schon etwas ganz besonderes. Carmine Abate, bekanntester Schriftsteller Kalabriens, erzählt in seinem Roman „Il bacio del pane“, also „Der Brotkuss“ – leider noch nicht auf Deutsch erhältlich - von Francesco und Marta.

Francesco lebt im kleinen Dorf Hora, nahe bei Cirò, unweit des ionischen Meeres. Die Ferien haben begonnen, es ist heiß, und in das Dorf kommt Marta, die mit ihrer Familie das Jahr über in Deutschland lebt. Die ganze Geschichte, die nun folgt, ist durchzogen vom intensiven Duft des Brotes, das die Mutter von Francesco früh am Morgen bäckt und die dabei nach einem alten Brauch jeden Brotlaib mit einem Kuss versieht.

Mit ihren Ferienfreunden verbringen Marta und Francesco viel Zeit am ionischen Meer, aber auch am Giglio, einer grünen Oase mitten in der Sommerhitze, wo ein Wasserfall in einen Gumpen mündet; dort lässt sich herrlich baden und feiern. Nebenbei entdecken Francesco und Marta dort eine alte verfallende Mühle und begegnen einem seltsamen Mann, der sie mit dem Gewehr im Anschlag empfängt. Allmählich erfahren sie seine Geschichte, und sie bringen ihm mehrfach heimlich Lebensmittel und auch einen Laib von dem frisch gebackenen duftenden Brot.

Als sich ihre Ausflüge zur alten Mühle am Giglio nicht mehr geheim halten lassen, geraten Marta und Francesco selber in eine nicht ungefährliche Situation, es geht nicht zuletzt auch um kriminelle Machenschaften. Doch die Geschichte geht gut aus, gut für den Mann, dem sie mit ihren Lebensmitteln und ihren Besuchen Mut machen, seinen Kampf zu Ende zu bringen, gut auch für Marta und Francesco. Sie finden durch diese nicht einfachen Erfahrungen näher zueinander und spüren, was der Duft des frischen Brotes zu tun hat mit ihrer Freundschaft. Und sie begreifen, was es heißen könnte, Brot füreinander und für andere Menschen zu sein.


Pastoralreferent Thomas Raiser, katholisch-italienische Gemeinde Waiblingen

 

 

Sonntagsgedanken zum 27. Mai 2018 (Waiblinger Zeitung)

Lieber hüpfen als laufen
Wie verhält man sich eigentlich richtig bei Gewitter? Diese Frage habe ich mir diese Woche ein paar Mal gestellt. Die Zeit der Hitzegewitter fängt langsam an. Mehrmals sind in der vergangenen Woche dunkle Wolken am Himmel erschienen und es war nur eine Frage der Zeit, bis lautes Donnergrollen zu hören war und Blitze den Himmel zerrissen.

Also wie verhält man sich richtig bei Gewitter? Nicht davonlaufen, sondern mit geschlossenen Beinen hüpfen. Nicht flach hinlegen, sondern in die Hocke gehen. Bäume, Handys und Skistöcke meiden. Nicht golfen oder reiten. Nicht Fahrrad fahren, sondern ins Auto steigen. Am besten bleibt man zu Hause und setzt auf den Blitzableiter.

Wenn man sich daran hält, ist man relativ sicher vor Gewittern; aber eben nur relativ. Die absolute Sicherheit gewähren diese Regeln auch nicht. Gewitter bleiben eine Bedrohung für Menschen. Sie führen die menschliche Ohnmacht vor Augen.

Aber auf jedes Gewitter folgt ein einzigartiger Moment. Die Welt steht still. Die Luft ist irgendwie frischer als sonst. Es ist, als ob das Gewitter alles blitzblank geputzt hätte. Der Druck, der sich aufgebaut hat, ist verpufft. Frische Energie kann durch die Atemwege strömen und neue Kraft geben. Nach dem Gewitter ist der Duft von Freiheit zu riechen. Die Welt riecht nicht nur viel besser, sie sieht auch ganz anders aus. Der Blick klärt sich und neue Perspektiven tun sich auf.

Es gibt Momente im Leben, da geht alles dem Bach runter. Der Druck von vielen Schicksalsschlägen hat sich so lange aufgebaut, dass das Leben zu zerreißen droht. Irgendwann ist dann der Punkt erreicht, wo es nur noch blitzt und donnert. In diesen Momenten ist man wie gelähmt. Man kann nichts dagegen tun, weil man machtlos ist. 

Doch auch diese Gewitterzeiten enden irgendwann und dann wird sichtbar, dass so ein Gewitter nicht nur zerstört, sondern auch Neues schenken kann. Der Blick wird neu ausgerichtet. Am Horizont ist zu lesen: Der Herr hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen (Ps 91,11) ... auch in Gewitterzeiten. Gottes Versprechen gilt, auch wenn es sich nicht so anfühlt.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie auch in Gewitterzeiten den Moment danach riechen können und getragen von Gottes Liebe lieber hüpfen als laufen.


Vikarin Judit Feser, Evangelische Kirchengemeinde Korb

 

 

 

Sonntagsgedanken zum 27. Mai 2018 (Winnender Zeitung)

Was ist wirklich wichtig?
„Das ist jetzt aber wirklich wichtig. Das muss jetzt unbedingt sein. Diese Sache duldet keinen Aufschub …“

 

Dies bekommen wir immer wieder zu hören. Auch, dass es keine Zeit gibt. „Ich würde ja gerne, aber momentan habe ich keine Zeit. Ja, wenn ich Zeit hätte, dann …“

 

Eigentlich schlimm. Wir alle haben gleich viel Zeit. 24 Stunden. Jeden Tag. Die Frage ist nur, wie füllen wir diese Stunden? Was tun oder lassen wir? Zugegeben, die Entscheidung ist nicht einfach und sie bleibt uns auch tatsächlich nicht immer selbst überlassen. Es gibt wirklich Situationen, wo wir nicht Herr über unsere Zeit sind.

 

Vor einiger Zeit habe ich eine nette Geschichte gehört. Ein Rabbi, der selbst – in jungen Jahren – bei einem großen, bekannten Lehrmeister als Schüler war, wurde von seinen Schülern gefragt, was diesem großen Lehrmeister am wichtigsten war. Um klug und weise zu werden wollten sie es unbedingt wissen. Der Rabbi antwortete: „Das, was er gerade tat.“ Das, was er grade tat, war dem Rabbi am Wichtigsten. Nichts Anderes. So einfach und doch so schwer.

 

Was tun wir nicht alles gleichzeitig. Bei der Arbeit und auch in unserer Freizeit. An was liegt das? Lassen wir uns fremdbestimmen? Diktieren wir uns die Hektik und den Stress selbst auf?

 

Nicht dass Sie mich falsch verstehen, ich kenne das alles nur zu gut. Ich versuche die Lebensweisheit des Rabbis zu befolgen. Das, was ich gerade tue ist am Wichtigsten. Nicht stur unverrückbar. Vielleicht muss ich auch eine Arbeit lassen, unterbrechen, abbrechen. Vielleicht gibt es einen Notfall, bei dem ich gefordert bin. Das ist möglich.

 

Doch wenn ich mich ganz auf eine Sache konzentriere, kann ich mich ganz darauf einlassen. Wenn meine Gedanken immer schon vorauseilen, komme ich selbst nicht nach. Das bringt Stress.

Ich möchte mir immer wieder klarmachen, dass in allerletzter Konsequenz kein Mensch Herr über seine Zeit ist. Die Zeit wird uns geschenkt. Lesen Sie mal den 31. Psalm. König David hat ihn verfasst. In seiner Not sucht er Hilfe bei Gott. In Vers 16 spricht David von der Zeit, die in Gottes Händen liegt.

 

Ihnen ein schönes Wochenende und viel Zeit.

 

 

Diakon Selmar Ehman, Paulinenpflege Winnenden

 

 

 

Gedanken zu Pfingsten, 20./21. Mai 2018

Zwei Feiertage nutzen
Zwei Feiertage sind dem Pfingstfest gewidmet. Und das ist auch gut so, denn an Pfingsten geht es um die grundlegende Erfahrung, sich geistig anrühren und berühren zu lassen. Die Pfingstgeschichte überliefert, dass der Heilige Geist vielen Menschen so sehr zu Herzen ging, dass sich dreitausend auf der Stelle taufen ließen. Dies Ereignis bildete den grandiosen Auftakt der Kirchengeschichte.

 

Wie feiern wir nun Pfingsten 2018? Wir feiern Pfingsten mit großen Gottesdiensten, mit Abendmahl, mit Feiern in den Gemeinden. Aber wir feiern Pfingsten nicht mit Bräuchen wie Krippenspielen, Passionsmusiken oder Osterkerzen. Die Symbole für Pfingsten, die uns die Bibel bietet, sind: Taube, Brausen des Windes und feuerähnlich lodernde Tropfen, die aus dem Himmel herabkommen. Aus diesen Feuertropfen hat sich in der christlichen Kunst der Heiligenschein entwickelt.

 

Aber es wäre ein schlechter Treppenwitz, wenn wir an Pfingsten anfangen würden, uns Heiligenscheine zu basteln. Unsere heutige kirchliche Kultur lebt recht gut ohne volkstümliches Brauchtum. Geistereignisse sind eben nicht sichtbar. Sie finden in der Tiefe unserer Person statt. Von dort her wirken sie in unser ganzes Leben. Unsere Taten und Worte eines Menschen geben dann sichtbar Auskunft, wes Geistes Kind wir sind. Ich wünsche allen ein gesegnetes Pfingstfest!

 

Dekan Timmo Hertneck, Evangelischer Kirchenbezirk Waiblingen

 

 

 

Sonntagsgedanken zum 13. Mai 2018 (Waiblinger Zeitung)

Welcher Sonntagstyp sind Sie?
Wenn ich am Sonntagmorgen zu einem unserer Gottesdienste in Waiblingen und Umgebung unterwegs bin, dann begegnen mir die verschiedenen Sonntagstypen. Sie sind gut kenntlich an ihren Accessoires. Die einen führen den Hund aus, andere sind in voller Ausrüstung mit dem Rennrad unterwegs. Da gibt es Jogger, die sich Pfunde abquälen und andererseits die Gemütlichen mit der Brötchentüte in der Hand.

 

Dann gibt es noch die Langschläfer, die verständlicherweise am Sonntagmorgen noch nicht sichtbar werden. Nicht zu übersehen sind hingegen die Sportlichen mit den großen Sporttaschen, die auf einen Wettkampf oder ein Turnier gehen. Es gibt die Wandergruppen und an besonderen Feiertagen auch die Begleiter eines Leiterwagens, der natürlich nicht leer fährt.

 

Sie alle nützen den arbeitsfreien Tag, profitieren vom Schutz des Sonntags und der Feiertage. Alle genießen die Unterbrechung des Alltags. Alle haben Anteil an der Festlichkeit, Freiheit und Freude des Sonntags.

 

Es begegnen mir aber auch Berufstätige, die sonntags einen Dienst tun wie die Pflegekräfte unserer Sozialstationen. Und dann gibt es noch die Menschen, die zu einem Gottesdienst unterwegs sind. Sie sind oft erkennbar an der festlichen Kleidung oder am Gesangbuch unter dem Arm. Sie haben womöglich schon jemanden zu Hause abgeholt, der es nicht mehr aus eigener Kraft in die Versammlung der Christen schafft.

 

Sie feiern den Sonntag als kleines Osterfest, suchen die Begegnung mit dem auferstandenen Herrn. Sie schätzen die Gemeinschaft mit den anderen Christen, bilden sich weiter durch eine gute Predigt, haben Freude am gemeinsamen Gotteslob. Sie erfüllen einen wichtigen Dienst für alle Menschen durch das stellvertretende Gebet. Auf die Begegnung mit ihnen freue ich mich besonders. Ich selber bin ein „gemischter“ Sonntagstyp: Ich stehe gerne früh auf, mache mich auf die Socken zu meinem Dienst als Pfarrer. Das bedeutet, zwei oder manchmal auch drei Gottesdienste zu halten. Ich stehe ungern lange in der Küche: Dazu ist der Sonntag viel zu schade. Nachmittags mache ich eine kleine Genussfahrt, bei schönem Wetter im offenen Wagen, bei schlechtem Wetter mache ich Musik oder lese. Und welcher Sonntagstyp sind Sie?

 


Pfarrer Gerhard Idler, Katholische Kirche Korb

 

 

 

Sonntagsgedanken zum 13. Mai 2018 (Winnender Zeitung)

Muttertag
Der Muttertag fällt in diesem Jahr auf den Sonntag namens Exaudi – „aus dem Hören“, so auf Deutsch, soll’s kommen. Gemeint ist der Glaube an Gott, das Vertrauen auf sein uns zugesprochenes Wort. Aus dem Hören kommt auch noch mehr Gutes fürs Leben. Zum Beispiel, wenn man der Mutter zuhört, wenn Sie einem von klein auf die einfachsten und grundlegendsten Dinge des Lebens nahebringt bis hin zu den mahnenden und restriktiven Appellen, die meist nicht so gern gehört werden wollen. Beides gehört zusammen und oft erst im Rückblick erscheint der Inhalt sinnvoll und wegweisend.

 

Haben Sie noch eine Mutter? Ich würde es Ihnen wünschen, und gleichzeitig auch nahelegen, immer noch auf ihre Ratschläge und Erfahrungen zu bauen. Selber schon in der Mitte des Lebens angekommen hilft mir das auch hin und wieder. „Wenn du noch eine Mutter hast…“ – vielleicht kennen Sie diesen Satz – „…so danke Gott und sei zufrieden.“ Denkt an eure Mutter, soll das heißen. Vergesst sie nicht. Kümmert euch um sie. Und das Ganze mit leicht erhobener Stimme. Aber Mutterliebe kann man nicht erzwingen wollen. Gut, dass es wenigstens einmal im Jahr den Muttertag gibt. Der macht uns darauf aufmerksam, wie wertvoll und wichtig unsere Mütter für uns waren und sind. Übrigens an jedem Tag des Jahres. Mutterliebe braucht etwas anderes als den Kalender, sie soll von Herzen kommen, ja richtiggehend verspürt werden. Dazu braucht es manchmal auch Erinnerungen und Einsichten: wie war das, als ich ein Kind war? Wer hat auf mich aufgepasst? Wer hat mich beschützt, getröstet, angespornt? Wer hat mich in den Arm genommen, das Pflaster geholt, das Essen gemacht? Wer hat da auf manches verzichtet zum Wohl des Kindes? Da ist schon Dankbarkeit angebracht.

 

Auch wenn wir von Gottes Zuwendung und Handeln für uns reden und hören, darf die Dankbarkeit ihren vorderen Platz bekommen, wenngleich auch manches zunächst nicht so gern vernommen werden will. Die Gute Nachricht, das Evangelium, gibt unserem Leben Freiheit, stellt uns aber gleichzeitig auch in die Verantwortung. Und die ist heute mehr denn je gefragt, wenn wir uns überlegen, welche Werte und Traditionen, welche Brüche und Neuaufbrüche wichtig sind für das Auskommen miteinander – in den Bezügen innerhalb der Familie und darüber hinaus zwischen Menschen ganz unterschiedlichen Herkommens. Wenn auch da aus dem Hören aufeinander ein Miteinander erwachsen kann - denken Sie doch mal darüber nach!

 

Pfarrer Ingo G. Walter, Evangelische Kirchengemeinde Nellmersbach

 

 

 

Gedanken zu Christi Himmelfahrt, 10. Mai 2018 (Waiblinger Zeitung)

 

Christi Himmelfahrt
Diese Ausgabe der Sonntagsgedanken erscheinen zum Feiertag „Christi Himmelfahrt“. Anstatt eines Bildes, wie Jesus auf Wolken in den Himmel emporgehoben wird, habe ich Ihnen aber ein Weihnachtsbild mitgebracht. Darauf zu sehen ist das, was auf ein Weihnachtsbild eben drauf gehört: Die heilige Familie: Andächtige Eltern samt dem schlafenden Jesus in der Krippe. Weder Ochs und Esel noch die Hirten fehlen.

 

Doch was ungewöhnlich ist: Josef trägt keinen weiten dunklen Mantel, er trägt einen seidenen Umhang, der einem feinen Bademantel ähnelt, seine schwarzen Haare sind am Hinterkopf zu einem Dutt gebunden und sein spitz zulaufender Bart scheint auf das Kind zu zeigen. Und auch das von hellrosa Blüten umrankte Jesuskind selbst ist anders: Es hat mandelförmige Augen und glattes schwarzes Haar. Kurz: Jesus ist ein Chinese. Was eigentlich auch nicht weiter verwunderlich ist, kommt die Darstellung der weihnachtlichen Szene eben aus China! Und trotzdem: Es irritiert erst einmal, wenn das Jesuskind so aussieht. Wenn der erwachsene Jesus kein Weißer mit langen braunen Haaren ist, wie wir ihn aus unseren Kirchen und Kunstmuseen kennen.

 

Natürlich war der historische Jesus, der im ersten Jahrhundert im östlichen Mittelmeerraum wirkte, kein asiatischer Typ. Doch so ein Bild zeigt uns: Jesus ist eben nicht nur für uns in Europa da. Jesus wird auch in ganz anderen Teilen der Welt verehrt, er ist auch der Christus der Gläubigen Afrikas, Südamerikas und Asiens. Der aussieht wie sie selbst. Mit dem sie sich identifizieren können.

 

Und das hat viel mit Himmelfahrt zu tun! Denn wenn Jesus in den Himmel auffährt, wie es in der Bibel erzählt wird, dann bedeutet das nicht nur Abschied von der Erde, Abschied von seinen Vertrauten. Sondern es bedeutet auch, dass Jesus ab sofort an einem Ort ist, wo er für alle gleich weit weg ist und damit allen gleich nah. Jesus trennt sich vom engen Kreis der Jünger, um an der Seite Gottes allen Menschen nahe zu sein.

 

Dass eine Beziehung zu Jesus möglich ist, dazu muss man nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen sein. Auch nach der Zeit, in der er auf der Erde gewirkt hat, ist Jesus für uns da: Wir dürfen uns an ihn wenden und uns von ihm begleitet wissen. Er ist bei allen Menschen dieser Welt. Besonders bei denen, die unter Demütigungen leiden, bei denen, die im Stich gelassen wurden und einsam sind.

 

Jesus hat das, hat sogar den Tod selbst erlebt: Er wurde gekreuzigt. Aber er ist auferstanden von den Toten. Aufgefahren in den Himmel. In diese Bewegung nimmt er auch uns mit hinein. Wer das glaubt, ob in China oder in Deutschland, dem steht heute schon der Himmel offen. 

 

 

Vikarin Susanne Kreuser, Evangelische Kirchengemeinde Waiblingen




Gedanken zu Christi Himmelfahrt, 10. Mai 2018 (Winnender Zeitung)

„Vatertag“
Der kirchliche Feiertag Christi Himmelfahrt ist nicht so bekannt wie Weihnachten oder Ostern. Die Bezeichnung „Vatertag“ ist vielen geläufiger. Am Vatertag zieht es die Menschen bei schönem Wetter raus in die Natur. Viele unternehmen eine Wanderung und steuern eine Hocketse an, wo es etwas zu trinken, und zu essen gibt.

 

„Vatertag“ ist gar nicht so schlecht als Bezeichnung für Christi Himmelfahrt: Der Vater im Himmel setzt seinen Sohn Jesus Christus ein zu seiner Rechten. Jesus bekommt bei seinem himmlischen Vater einen Ehrenplatz, einen Thron, einen Regierungsauftrag. In die Hände Jesu wird die Macht gelegt über alle Reiche, Mächte, Herrschaften und Gewalten dieser Erde. Vom „Vatertag“ her gesehen ist deshalb der Maßstab für eine gute Ausübung von Regierungsverantwortung das Dienen. An der Spitze aller Macht steht Jesus, der den Menschen dient wie kein anderer. Ausübung von Macht, Regieren bedeutet deshalb Dienst für die Menschen. Für deren Frieden, Freiheit und Wohlergehen haben die Staatsdiener in ihren Ämtern zu sorgen. Sie sind verantwortlich vor dem Volk, das sie gewählt hat. Auch vor Jesus Christus müssen sie Rechenschaft ablegen, wie sie ihr Amt ausüben. Gott hat ihn in dieses höchste Amt über alle andere Ämter eingesetzt.

 

Präsidenten in Ankara und anderswo, die mit den Steuergeldern ihrer Bürger protzige Paläste bauen, schneiden bei dieser himmlischen Beurteilung schlecht ab. Präsidenten in Moskau und anderswo, die politische Gegner und kritische Journalisten einsperren, sehen die Rote Karte. Ein Präsident, dem das Geld der Waffenlobby wichtiger ist als das Leben von Schülerinnen und Schülern, wird von allerhöchster Stelle gefeuert werden.

 

Jesus ist von Gott alle Macht gegeben. Vor ihm haben alle Mächtigen Rechenschaft abzulegen, wie sie ihre Macht ausüben - diese Botschaft steckt drin in dem Lied, das für mich im Gottesdienst an Christi Himmelfahrt wichtig ist:

 

„Jesus Christus herrscht als König /
alles wird ihm untertänig /
alles legt ihm Gott zu Fuß./
Alle Zunge soll bekennen, /
Jesus sei der Herr zu nennen,/
dem man Ehre geben muss.“
(EG 123,1).

 

Wolfgang Peter, Evangelischer Kirchengemeinde Oppelsbohm.  

 

 

 

Sonntagsgedanken zum 06. Mai 2018

Im Namen der Religion
Liebe Leserinnen und Leser,

im theologischen Seminar erzählte der Dozent uns jungen Studierenden folgende Anekdote. „Einmal hatten wir zu einem Studienabend einen Professor für Neues Testament in unsere Gemeinde eingeladen. Mir kam die Aufgabe zu, den Herrn nach seinem Vortrag mit dem Auto nach Hause zu fahren. Auf der Fahrt sprach er kein Wort. Still saß er auf dem Beifahrersitz. Dann nach langer Zeit des Schweigens durchbrach er die Stille mit dem Satz: „Jesus war Jude, das dürfen wir nicht vergessen.“

 

Dieser Satz um dessen Zusammenhang ich nicht mehr recht weiß, dieser Satz: „Jesus war Jude“, hatte sich tief bei mir eingeprägt. Er hat mein Studium der evangelischen Theologie begleitet. Ich wollte Jesus als den verstehen lernen als der er gewesen war. Ein gläubiger Jude unter seinen jüdischen Zeitgenossen. Dazu begab ich mich auf den Weg, das Judentum in der Zeit Jesu und in seiner folgenden Geschichte mehr und mehr verstehen zu lernen, um so die Wurzeln meines Glaubens besser begreifen zu können. Jesus Christus verstehen zu lernen bedeutete für mich, die Wurzeln seines Glaubens, das Judentum besser kennenzulernen.

 

Später, im fortgeschrittenen Stadium meines Studiums, besuchte ich ein Seminar bei dem katholischen Professor Hans Küng in Tübingen. Er zeigte uns den Horizont auf, der über die einzelnen Religionen hinausragt. Küng stellte uns die Figur des Abraham aus dem Alten Testament als gewissermaßen Religionsstifter von Juden, Christen und Muslimen vor. In der Person des Abraham hätten alle drei Religionen die Wurzel ihres Anfangs.

 

Die zuvor mich bewegende Frage nach der besonderen und alleinigen Wahrheit in der eigenen Religion verwandelte sich mehr und mehr zu der Frage nach dem Verhältnis, in dem die drei großen Weltreligionen zueinander stehen. Was haben wir gemeinsam und was können wir voneinander lernen?

 

So ist meine Erfahrung entstanden. Wenn gläubige Menschen beginnen, nach den Wurzeln ihres eigenen Glaubens zu fragen, werden sie anfangen, sich selbst besser verstehen zu lernen. Gleichzeitig wird ihr Verständnis für die Andersgläubigen wachsen, weil sie Gemeinsames entdecken werden. Künftig werden sie sich im Namen der Religion nicht bekämpfen können. Denn wer Religion meint, wenn er Religion sagt, stellt sich selbst ins Verhältnis zu denen, die anders glauben.

 

Wer aber Religion sagt und meint in Wahrheit etwas anderes, der schlägt im Namen der Religion anders Gläubige, verordnet das Aufhängen von Kreuzen in öffentlichen Gebäuden oder beruft sich auf das so genannte christliche Abendland, um Fremdes zu verunglimpfen.

 

Pfarrer Andreas Gruhn, Evangelischer Klinikseelsorger am Klinikum Schloß Winnenden

 

 

 

Sonntagsgedanken zum 29. April 2018 (Waiblinger Zeitung)

Resonanz
Resonanz ist das Mitschwingen eines Körpers mit einem anderen Körper. Im Körper einer Gitarre z. B. entstehen Resonanzen. Deshalb spricht man hier auch von einem Resonanzkörper. Resonanz meint im übertragenen Sinn in Beziehung treten: Etwas berührt mich. Ich antworte darauf, erreiche also die andere Seite. Dieses Beziehungsgeschehen ist Ausdruck von Lebendigkeit. Ich kann mit einem Freund, aber auch mit einem biblischen Text, einem Musikstück oder der Natur in eine Resonanzbeziehung treten. Dies allerdings nur als Hörende, Wartende, Erwartende. Dieses mir antwortende Andere ist mir unverfügbar. Ich kann dabei nichts erzwingen oder machen. Resonanzbeziehungen haben immer ein Moment des Geschenktwerdens oder theologisch ausgedrückt der Gnade. Die Natur ist mir geschenkt. Gott antwortet mir als der unverfügbar ganz Andere.

 

Die Grundbeziehung zur Welt als Resonanzgeschehen hat mit Achtsamkeit gegenüber der Mitschöpfung zu tun. Aber haben wir überhaupt noch einen anderen Weltbezug als den der Zweckoptimierung? In beinahe allen Bereichen unseres Lebens geht es heute um Wachstumssteigerung und Beschleunigung - um welchen Preis? Um den Preis, das menschliche Weiterleben auf dieser Erde zu verlieren? Wir produzieren mehr, wir konsumieren mehr, wir haben mehr Kontakte - aber weiterhin nur 365 Tage im Jahr. Also müssen wir die Mehrproduktion, den Mehrkonsum, die Mehrkontakte in die gleiche Zeit hineinpacken. Und wundern uns über Burnout und (Selbst)Ausbeutung. Ist in dieser Verdichtung noch Resonanz möglich? Ja, es gibt diese Erfahrung in einzelnen Oasen unseres Alltags. Sollte es nicht genau andersherum sein? Resonanz als die menschliche Art der Weltbeziehung.

 

Durch alle Psalmen und Bücher der Bibel finden wir das Beten, Rufen und Schreien nach dem ganz Anderen; die Erfahrung, dass mich Gott selbst beim Namen ruft, stellt mich in einen Resonanzraum, in dem ich mich aufgehoben fühle und in der Welt meinen Platz habe. Staunen, Ehrfurcht und Dankbarkeit drücken die Haltung der Resonanz aus. So kann der Gottesdienst am Sonntag zur Erfahrung von Resonanz werden: Sich Segen zusprechen und Worte und Lieder nachklingen lassen. Ich wünsche Ihnen und mir eine gesegnete Sonntagsruhe!

 

Pastoralreferentin Brigitte Scherer, Katholische Seelsorgeeinheit Waiblingen-Korb-Neustadt