Sonntagsgedanken zum 23. September 2018

100 Jahre Mandela
In den Pfingstferien habe ich die Autobiografie von Nelson Mandela mit dem Titel „Der lange Weg zur Freiheit“ gelesen. 100 Jahre alt wäre er in diesem Jahr geworden.

An vielen Stellen ist davon zu hören und zu lesen. Seine Lebensgeschichte geht unter die Haut. 27 Jahre verbrachte er in Haft. Danach verhandelte er mit Regierungsvertretern und wurde schließlich der erste schwarze Präsident Südafrikas.

Der Freiheitskämpfer und Friedensnobelpreisträger hat sein Land geprägt wie kaum ein anderer. Was ihn auszeichnete war sein übermenschlicher Wille zur Versöhnung. Ein Beispiel berichtet Harry Wigget, der 1982 als Gefängnispfarrer für die politisch Gefangenen zuständig war. Mandela gehörte zu ihnen. Der erste von Wigget geleitete Abendmahlsgottesdienst hinterließ nachdrückliche Spuren. Die Gefangenen standen um den Abendmahlstisch, während sie von einem Gefängnisaufseher kritisch überwacht wurden. Mandela unterbrach den Pfarrer während der Liturgie und ging auf den Aufseher zu. Er fragte ihn, ob er Christ sei. Nachdem dieser bejahte forderte Mandela ihn auf, zu ihnen an den Tisch zu kommen. „Sie können nicht abseits sitzen bleiben. Das ist das heilige Abendmahl, wir müssen es teilen und gemeinsam empfangen.“

Als Mandela 1994 zum Präsidenten wurde, arbeitete er eng mit Kirchenführern zusammen, um die Neugestaltung der Nation unter den Zeichen wirksamer Versöhnung und Vergebung auf den Weg zu bringen. Dazu diente auch die Wahrheits- und Versöhnungskommission, die 1995 gegründet wurde und bis 1998 arbeitete. Den Vorsitz hatte Erzbischof und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu. Die Kommission untersuchte politisch motivierte Verbrechen während der Zeit der Apartheid. Dahinter stand der Gedanke: Ohne Wahrheit keine Heilung. Ohne Vergebung keine Zukunft.

Nein, es ist Nelson Mandela nicht alles gelungen und manches kann man auch kritisch hinterfragen. Aber was er bewirkt hat und wie versöhnlich er gelebt hat, hat Vorbildcharakter. Heute kann man den Eindruck gewinnen, dass viele Nationen vor allem nach sich selber schauen und das Gemeinsame vernachlässigen. Da können wir wohl alle etwas von Mandela lernen. 


Thomas Reich, Pastor der Evangelisch-methodistischen Kirchengemeinde Waiblingen 


Sonntagsgedanken zum 16. September 2018

(Kinder-)Mutmachlied
In den letzten Tagen schon und auch heute finden zahlreiche Einschulungsfeiern statt. Der Schulstart wird natürlich groß begangen – es geht schließlich um nichts weniger als einen neuen Lebensabschnitt – für die Kinder genauso, wie für die Erwachsenen. Meist finden die Einschulungsfeiern im Anschluss an oder in Verbindung mit einem Gottesdienst statt. Wie schön, wenn wir uns das bewusst machen: Gott begleitet uns, bei allem Neuen und Unbekannten, was auf uns zukommt.

Bei dem Einschulungsgottesdienst, an dem ich beteiligt bin, singen wir unter anderem ein Lied, das „Kindermutmachlied“ heißt. Ich finde diesen Titel einfach klasse! Es ist ein Lied mit einer fröhlichen Melodie und einem einfachen Refrain: „Lalalala, lalalala, lalala lala lalalala“ – es kommt eigentlich unscheinbar daher, aber: es macht Mut.

Es macht Mut, wenn einer sagt: „Ich mag dich, du“; „Ich brauch dich, du“; „Komm, geh mit mir“. Dann macht das Leben Spaß, dann fühl ich mich nicht mehr klein, dann krieg ich eine Gänsehaut und auch ein bisschen Mut. Das sollen unsere Kinder erleben, wenn sie sich auf den Schulweg machen: Dass sie nicht allein sind, dass sie gebraucht und geliebt sind, denn so bekommen sie Mut zum Leben. 

Und auch wir Erwachsenen könnten so ein Mutmachlied gebrauchen. Auch wir haben Mut nötig. Mut, um die Stimme zu erheben gegen menschenverachtende und diffamierende Sprüche, um eine Entscheidung zu treffen, die schmerzhafte Konsequenzen mit sich bringt, um ein Leben getreu den eigenen Prinzipien zu führen. Oder einfach Mut, um die nächste Woche zu bewältigen. 

Hören wir das Kindermutmachlied als Mutmachlied, nicht nur für Kinder:

Gott sagt zu dir: Ich hab dich lieb,
ich wär‘ so gern dein Freund!
Und das, was du allein nicht schaffst,
das schaffen wir vereint.


Pfarrer Philipp Essich, Evangelische Kirche Winnenden


Sonntagsgedanken zum 09. September 2018

Alle eure Sorge
O ja! Sorgen hätten wir genug. Da sind die kleinen Sorgen: Dass am Montag die Schule wieder anfängt und der Sommer sich endgültig dem Ende zuneigt. Werden wir mit Mitschülern und Kollegen gut zurechtkommen?
Da sind die persönlichen Sorgen: Wie wird die Untersuchung bei der Ärztin ausgehen? Komme ich um die OP herum? Oder wird es richtig schlimm?
Und schließlich die Sorgen um die politische Großwetterlage: Ist Chemnitz der Seismograf für die unheilbare Zerrissenheit unserer Gesellschaft? Oder hat das ehemalige Karl-Marx-Stadt einfach sehr extreme Bedingungen zu schultern?

Sorgen haben wir wohl. Da trifft der Wochenspruch mitten ins Schwarze: Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. (1. Petr. 5,7)
„Ist das nicht ein bisschen naiv?“, könnte man einwenden. Hinter den Sorgen stehen doch Probleme, die es zu lösen gilt. Die kann ich doch nicht einfach dem lieben Gott überlassen! Nein, sicher nicht. Gott gibt uns mit seiner Fürsorge keinen Freibrief für Untätigkeit. Andersherum wird ein Schuh daraus: Wer sich in seine Sorgen zu sehr einspinnt, findet nicht mehr heraus. Die Folge ist Schlafmangel, Nervosität – und nachlassende Lösungskompetenz. Wer sich zu sehr sorgt, wird fantasielos, kraftlos, selbstmitleidig.

Den anderen Weg zeigt der Apostel Petrus: Vertrauen in Gott und den guten Ausgang. Alle eure Sorge werft auf ihn – wenn es uns gelingt, unsere Ängste loszulassen und darauf zu vertrauen, dass jede noch so verfahrene Situation gut enden kann, werden wir innerlich frei. Wir atmen auf und sind bereit, anzupacken. Diese Haltung will Gott uns schenken.

So verliert der erste Arbeitstag seinen Schrecken und schafft Platz für die Wiedersehensfreude. So verwandelt sich die Angst vor der Diagnose in die Einsicht, wie gut es ist, dass die Krankheit entdeckt wurde und behandelt werden kann. Und so wird das Erschrecken über die Rohheit des gesellschaftlichen Miteinanders, über das Erstarken und die Kaltschnäuzigkeit rechter Gruppierungen und die fließenden Übergänge zur AfD endlich dazu führen, dass wir die Demokratie nicht als lästige Pflicht behandeln, sondern als das, was sie ist: unsere wertvollste kulturelle Errungenschaft und die Voraussetzung für Solidarität und freie Entfaltung der Einzelnen.

Wenn wir uns weniger sorgten und mehr handelten, könnte das der Sache nur dienen. Handeln, das hieße: begründete Ängste wahrnehmen, irreale Ängste lösen, Zukunftschancen eröffnen, Bildung ermöglichen, Hoffnung vermitteln, Gemeinschaft stärken, Vielfalt achten. Auch Petrus hat das schon gesehen und rät seiner Gemeinde: Seid gleich gesinnt, mitfühlend, geschwisterlich, barmherzig, demütig. Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen erbt. (1. Petr. 3, 8f.)

Gehen wir’s an. Die Voraussetzungen haben wir.

Pfarrerin Dr. Antje Fetzer, Evangelische Kirche Waiblingen


Sonntagsgedanken zum 26. August 2018

Mach mal!
Bei uns in der Paulinenpflege steht ein fast 200 Jahre alter Opferstock. Unser Gründer, Pfarrer Heim hat ihn in Auftrag gegeben. Handgeschmiedet, etwas grobschlächtig, kein wirkliches Kunstwerk. Darüber, auf einem ebenso groben Holzbrett, ist ein Bibelzitat gemalt. Übrigens auch der Wochenspruch für die kommende Woche: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40)

Kurz bevor Jesus gen Himmel entschwindet, hält er noch einmal eine große Rede. Sein Vermächtnis sozusagen. Er will seinen Jüngern und Fans dies ins Stammbuch schreiben. Er teilt die Menschheit ein in Böcke und Schafe. Ziemlich radikal, fast grob. So wie das Brett über dem Opferstock. Er redet von Himmel und Hölle. Woran sich das entscheidet? Daran, wie sich der Einzelne gegenüber dem Bedürftigen verhalten hat: dem Armen, dem Gefangenen, dem Fremden, dem Durstigen. Hast du ihm geholfen oder nicht? Hast du MICH gesehen im Notleidenden? Hast du ihm geholfen, hast du mir geholfen, erklärt Jesus. So einfach ist das. Schnörkellos und klar. Aber halt auch schwer verdaulich. Denn von Frömmigkeit steht hier kein Wort, nur die Haltung scheint hier entscheidend. Sie wird am Ende angesprochen werden. Mir als frommen Christen passt das nicht so ganz. Aber ich will es ernst nehmen – immerhin scheint es Jesus sehr ernst damit gewesen zu sein.

Der Christus im Anderen. Das soll hier kein theoretisches Gedankengebäude werden – so ist es vom Urheber auch nicht gemeint. Sondern ganz praktisch: Kürzlich die junge Mutter, mit Kinderwagen und Smartphone im Park. Kein Duzi-duzi mit dem Baby. Bloß blablabla mit der besten Freundin, eine Stunde lang. Sie sah nicht das Christkind in ihrem Baby. Wichtig war Handy statt Baby. Jesus ganz im Gender-Sinn: Ja, auch weibliche Wesen können hier zum Bock werden!

Ein junger Flüchtling kommt als Analphabet aus Afrika. Innerhalb von zwei Jahren schafft er es, eine Ausbildung zum Altenpfleger zu beginnen! Wie das geht? Er fand im Winnender Klinikum einen „Opa“. Der ackerte und büffelte mit ihm. Jawohl, auch als Opa kann man Schaf sein! Sieht die Politik den Jesus in der völlig überladenen maroden Nußschale auf dem Mittelmeer? Lässt man sie absaufen oder holt man sie an Land? Bock oder Schaf?

Auch für die Politik oder einen Staat gilt der Tier-Vergleich. Ein Ehepartner berichtet von der zunehmenden Demenz des anderen: „Das ist nicht mehr die Person, die ich geheiratet habe!“ Nein, das nicht. Aber siehst du den Christus in ihm? Schwer verdaulich, fürwahr. Gerade weil es so schnörkellos und klar ist. Uns keine Ausflüchte zulässt.

Der alte Pfarrer Heim meint es nicht drohend, aber er kennt den tiefen Ernst der Liebe: Die Seele dieser Armen „müsste einst vor Gottes Thron wider uns zeugen, wenn wir nicht zu ihrer Rettung unternähmen, was in unseren Kräften steht.“

Liebe ist eine ernste Sache. Klar, aber immer noch wahr. Schnörkellos und noch immer aktuell.


Pfarrer Ulrich Bühner, Paulinenpflege Winnenden


Sonntagsgedanken zum 12. August 2018

Hitze
Hitze. Jeden Tag Hitze. Vielleicht der ein oder andere Tag etwas mildere Temperaturen. Vielleicht die eine oder andere Nacht etwas Abkühlung. Doch dann wieder Hitze. Damit haben wir in Mitteleuropa eher wenig Erfahrung, umso gestresster reagieren Körper und Seele. Menschen sind reizbarer, erschöpfter, müder.

Die diesjährige Sommerhitze macht mir wieder klar, dass unsere christliche Religion, unsere Glaubenswahrheiten aus einem heißem Land, einer heißen Region kommen. Aus Israel und dem Orient. Hat die Hitze nicht auch die Glaubenserfahrung der Menschen dort geprägt? Was macht es mit Menschen, die in einer oft unerträglich lebensfeindlichen Welt wohnen, arbeiten und reisen? Was macht es mit Menschen, die jedes Jahr aufs Neue um ihre Ernte bangen, weil Trockenheit droht? Nicht in einem Jahrhundertsommer, sondern nahezu jedes Jahr?

Zwei wesentliche Erkenntnisse kommen mir in den Sinn. Da ist zunächst die Gastfreundschaft. Noch heute bekommt der Wanderer im Orient erstmal ein Glas Wasser gereicht. Welch eine Wohltat nach Staub und Hitze! Nicht nur von Abraham wird erzählt, wie gastfrei er war. Menschen müssen zusammenhalten, wo die Welt lebensfeindlich ist. Die Bibel nennt es Nächstenliebe. Und sie verspricht: so mancher hat Engel beherbergt, wenn er gastfreundlich war.

Und dann ist da die Wertschätzung einer Verwurzelung im Glauben. Wer am Rand der Wüste lebt, kennt den Wert tiefer Wurzeln. So wie bei uns ja auch die Bäume, Gewürze und Weinstöcke kein Problem mit dem aktuellen Wassermangel haben, wenn sie nur tief genug wurzeln. „Gesegnet ist der Mensch, der sich auf den Herrn verlässt und dessen Zuversicht der Herr ist. Der ist wie ein Baum, am Wasser gepflanzt, der seine Wurzeln zum Bach hinstreckt. Denn obgleich die Hitze kommt, fürchtet er sich doch nicht, sondern seine Blätter bleiben grün; und er sorgt sich nicht, wenn ein dürres Jahr kommt, sondern bringt ohne Aufhören Früchte“, schreibt der Prophet Jeremia. Solch einen Menschen wirft keine Krise und keine Angst um. Er wird eine Zeit der Erschöpfung und Müdigkeit überstehen und daran reifen.

Ich wünsche Ihnen in diesen heißen Sommertagen beides. Die Erkenntnis, welchen Wert es hat, im Glauben tief verwurzelt zu sein. Und immer Menschen, die ein köstlich erfrischendes Glas Wasser für Sie bereithalten, wenn sie durstig sind. An Leib und Seele.

Pfarrer Hans Peter Weiß-Trautwein, Evangelische Kirchengemeinde Hertmannsweiler / Bürg


Sonntagsgedanken zum 05. August 2018

„Ach, wäre es doch wie früher!“

War früher wirklich alles besser, oder reden wir uns die Dinge nur schön?

Am kommenden Sonntag ist in den katholischen Gottesdiensten vom Murren des Volkes Israels in der Wüste zu hören. Nachdem sie in Ägypten lange Zeit wie Sklaven schuften mussten und Mose sie mit Gottes Hilfe befreite, ging für sie ihr größter Traum in Erfüllung. Als der Weg aber immer länger wurde und sogar durch die Wüste führte, fingen sie an zu murren. Nein, so hatten sie sich das nicht vorgestellt, ständig Hunger und Durst; in Ägypten waren sie zwar nicht frei, hatten aber wenigstens zu essen.

Uns Menschen würde da sicher schnell der Geduldsfaden reißen: „So ein undankbares Volk – erst betteln sie um Hilfe, dann werden sie gerettet und jetzt maulen sie schon wieder! Ein voller Bauch ist denen wohl wichtiger!“ Die Reaktion von Gott ist aber völlig anders. Nicht einmal eine Ermahnung ist in diesem Text zu hören! Sobald das Klagen zu ihm dringt, lässt Gott seinem Volk über Mose ausrichten, dass er Brot vom Himmel regnen lässt. Durch die herabfallenden Wachteln sorgt er auch gleich noch für Fleisch!

Gott schenkt übermäßig und die Menschen müssen das Ganze nur noch einsammeln! Eine kleine Abmahnung hätten sie nach unseren menschlichen Maßstäben aber schon verdient! Freigebigkeit wird doch allzu oft schamlos ausgenützt!

„Das musst Du Dir erst mal verdienen!“ Ohne ehrliche Arbeit und gerechten Lohn funktioniert unser System nicht! Und es ist wichtig, dass sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber sich an mühsam ausgehandelte Verträge halten. Wenn wir aber auch in unserem Alltag nur noch berechnen, unser Leben gegeneinander „aufrechnen“?

Gott will, dass wir Leben in Fülle haben und er zeigt, wie es geht: Er beschenkt sein Volk in der Wüste überreich und gratis! Gott ist gnädig und barmherzig.

Jetzt ist Sommer – viel Zeit zum Nachdenken. Vielleicht an früher, wo manches in der Rückschau gar nicht so schlecht war! Vielleicht an die Gegenwart, wo wir zwar nicht alles steuern können, aber das eine oder andere „gnädig“ verändern und schon mal „barmherzig“ ausprobieren? Gott lädt uns ein, auch an die Zukunft zu denken und er verspricht, immer bei uns zu sein! Nur Mut, er hört auch unser „Maulen“! Seine Antwort wird auch heute wie früher lauten: „Schau doch hin. Du bekommst alles, was Du brauchst.“

Pastoralreferentin Maria Lerke, Katholische Seelsorgeeinheit: Winnenden – Schwaikheim - Leutenbach


Sonntagsgedanken zum 29. Juli 2018

Ich bin wütend

Offenbar tragen viele Menschen eine Riesenwut mit sich herum. Verrohung der Sitten – nicht nur im Straßenverkehr. Manche begegnen sich noch rücksichtsvoll, das lässt mich hoffen. Aber herabsetzende Worte sind salonfähig geworden, auch bei Menschen, die unser Land mit prägen, weil sie ein öffentliches Amt bekleiden.

Wenn sich zum Beispiel ein Politiker zu einem Fußballspieler äußert, über seinen Namen und seine Hautfarbe, dann brechen Reaktionen aus Menschen hervor, pro und contra, in sozialen Medien besonders rücksichtslos und weit jenseits jeden Respekts. Alle dreschen aufeinander ein. „Das muss man doch wohl mal sagen dürfen.“ Den Satz hören wir zurzeit öfter - aber darf man?? Es kommt wohl drauf an, ob wir die Grundregeln menschlichen Miteinanders dabei wahren!

Ich gestehe, dass mich das wütend macht, wenn Menschen einfach so Werte zum Einsturz bringen, wie respektvollen Umgang, Achtung der Würde, Freiheit der Andersdenkenden und Andersglaubenden.

Ja, da stehe ich für das christlich geprägte Abendland ein – diese Werte haben unser Miteinander geprägt und wir tun gut daran, uns dafür weiter einzusetzen, dass das bleibt. Dazu tragen wir Kirchen bei mit der Werte- und Glaubensweitergabe, dafür setzen sich Kirchenmitglieder ein bei Hausbesuchen, in Gruppen und Aktionen, in Angeboten der Erwachsenenbildung, für Kinder und Jugendliche. Dafür gibt es Gottesdienste und Gemeindehäuser, dass sich dort Menschen miteinander an Gott orientieren und sich einsetzen für das Leben in Vielfalt. Vergiss Gott nicht, der dir im Mitmenschen begegnet und der jeden Menschen dazu beauftragt, Botschafter des Lebens zu sein. Orientiere dich, deine Gemeinde, dein Land an diesen Werten – dann besteht Grund zur Hoffnung für die Zukunft.

Ernste Worte zum Beginn der Ferienzeit, aber vielleicht nehmen wir die etwas entspanntere Zeit zum Anlass, uns zu besinnen und gegebenenfalls nicht nur unseren Fahrstil zu ändern. Es steht für mich zu viel auf dem Spiel: Unsere Demokratie und unsere Freiheit, Toleranz, Respekt, Achtung und unsere Zukunft - dafür lohnt es sich schon und das hat ganz viel mit dem Gott zu tun, der das Leben will, es gibt und fördert.

Sommerliche Grüße

Pfarrer Joachim Bauer, Evangelische Kirchengemeinde Neustadt


Sonntagsgedanken zum 22. Juli 2018

Vormütter

Lange war der Kampf unserer Vormütter, bis im November 1918 endlich das Wahlrecht auch für Frauen galt. Elly Heuss-Knapp, die Frau des späteren Bundespräsidenten und selbst stets eine politisch aktive Frau wurde beauftragt, Slogans für Plakate zu kreieren. Diese Slogans sollten Frauen ermutigen, ihr Wahlrecht auch wahr zu nehmen. Es ging die Sorge um, die Frauen würden sich durch die Häme der Männer verunsichern lassen und dann nicht ihr Wahlrecht ausüben.

1919 eine der ersten Wahlen, die evangelische Kirchenwahl in den Kirchengemeinderat. In Waiblingen stellten sich zwei Frauen zur Wahl, Amalie Volz und Emma Bälz. Keine der beiden wurde gewählt. Amalie Volz war mit dem Leiter des Finanzamtes verheiratet, hatte drei Kinder und wohnte neben der Seidenweberei Küderli. Für die Arbeiterinnen dort gründete sie den evangelischen Arbeiterinnenverein. Nach der Versetzung ihres Mannes nach Esslingen gründete sie dort die erste evangelische Mütterschule in Württemberg.

Ihre in Waiblingen geborene Tochter Lenore kämpfte später dafür, dass in Württemberg auch Frauen zu Pfarrerinnen ordiniert werden. Das liegt nun fünfzig Jahre zurück.

Mutige Frauen in ihrer Zeit, auf deren Schultern wir heute stehen. Frauen, die sich durch die oft mäßig intelligenten Sprüche von Männer nicht beirren ließen.

Mutige Frauen finde ich auch immer wieder in den Geschichten der Bibel. Eine meiner Lieblingsgeschichten steht im 7. Kapitel des Markusevangeliums. Eine ausländische Frau mit einem kranken Kind bittet Jesus um Heilung. Er sieht sich nur für die Kinder Israels zuständig, sie begibt sich mutig in eine Diskussion mit Jesus. Jesus verändert seine Haltung und heilt das Kind. Beide imponieren mir. Jesus, der sich den Argumenten der ausländischen Frau nicht verschließt und eine andere Sicht gewinnt. Die Mutter, die alles dransetzt, damit ihrem Kind geholfen wird.

Frauen, die ihre eigene Sicht auf die Dinge und ihre Gaben und Talente einbringen braucht es zu jeder Zeit. 2019 stehen Kommunalwahlen und auch Kirchenwahlen an und es braucht wieder viele Frauen, die sich ermutigen lassen sich zur Wahl zu stellen. Frauen, auf deren Schultern die nächsten Generationen stehen können. 

Diakonin Kornelia Minich, Evangelische Kirchengemeinde Waiblingen


                     

Sonntagsgedanken zum 15. Juli 2018

Es war Sonntag, wunderschönes Wetter und so ließen wir uns mit gutem Essen in einer gemütlichen Gartenwirtschaft verwöhnen. Mit den Worten „Heute empfehle ich Sauerbraten oder Kalbsbraten“ empfing uns eine sehr freundliche Bedienung. Nein, den Kalbsbraten nehmen wir nicht, hatte uns doch kürzlich ein Freund erzählt, dass die Kälbermast sehr qualvoll ist für die Tiere. So genau wussten wir es allerdings nicht.

Das hat sich nun geändert, denn ein paar Tage später sah ich zufällig zu diesem Thema eine Reportage. In äußerlich makellosen Ställen (hinein darf man meistens nicht) müssen die Bullenkälber bis zur Schlachtung Milch – besser gesagt eine chemische Brühe mit viel Palmöl – trinken, weil normale Fütterung mit Gras oder Heu das Fleisch durch den Eisengehalt nicht weiß, sondern rosa werden lässt. Für die Tiere bedeutet das Stress und viele Schmerzen, was man daran erkennen kann, dass der größte Teil der Tiere bei der Schlachtung zahlreiche Magengeschwüre hat.

Manche Bauern haben schon umgesattelt. Sie sind nicht mehr bereit, weißes Fleisch zu produzieren, sondern nehmen weniger Profit in Kauf, um die Tiere artgerecht zu halten.  Und nein – ich werde nun nicht moralisch. Ich möchte unsere Aufmerksamkeit schärfen, unser Herz empfindsam machen für diese Not, ehrlich hinschauen auf das, was unser Konsumverhalten so mit sich bringt und ob es uns das wert ist. Hinschauen ist der erste Schritt, auch wenn ich damit noch nicht die Welt verändere. Einen Blick bekommen für unser Beuteverhalten, wie ich es einmal nennen möchte.

Lange hat es gedauert, bis die Menschen lernten, dass die Schwarzen nicht die Beute der Weißen sind und die Frauen nicht die Beute der Männer – und wir lernen noch immer. Wir müssen lernen, die Menschheit muss lernen, dass die Schöpfung nicht ihre Beute ist, nicht auszubeuten ist, weil sie Würde hat, die Würde eines Geschöpfs.

Es ist eine heillose Arroganz des Menschen zu glauben, das Wesen der Schöpfung sei, Beute des Menschen zu sein. Manche führen an, dass der erste Schöpfungsbericht doch selber dazu beigetragen habe, wenn er sagt, der Mensch solle sich die Erde untertan machen und über sie herrschen. Wenn man genau hinschaut, ist aber etwas ganz Anderes damit gemeint. Damals wohnten die Menschen in Zelten, d.h. jedes wilde Tier, das die Menschen nicht beherrschten, konnte zur tödlichen Gefahr werden.

Es geht hier darum, tödliche Gefahren zu beherrschen. Diese heißen heute aber in der Regel nicht mehr Tiger und Bär, sondern z.B. Klimawandel, Plastikmüll, zu viel Fleischkonsum. Der Auftrag Gottes heißt: beherrscht die Gefahren. Lasst die Schöpfung nicht zur Beute verkommen. Das ist unsere Mitverantwortung. Alles was lebt hört auf Beute zu sein, wenn wir darin Gottes Schöpferhand erkennen. Auch wir selber, sie und ich tragen die Schöpferwürde in uns und darum hat Gott uns zu seinen guten Haushaltern gemacht –zum Segen, nicht zum Fluch für seine gute Schöpfung.

Ach ja – sie denken nun an den heißen Stein? Auch ein heißer Stein wird irgendwann nass, wir könnten schließlich viele sein.

Pfarrerin Irmgard Kaschler, Paulinenpflege Winnenden


Sonntagsgedanken zum 01. Juli 2018 (Winnender Zeitung)

Aus und vorbei
Dass der Weg kein leichter werden würde, war allen klar. Dass nach dem Hoch-Auf-Uns wieder ein Ganz-Tief-Unten folgen würde, hört sich zwar nach Gesetzmäßigkeit an, war aber doch einfach hart und kaum zu fassen. 

Plötzlich ist es soweit. Da werden Anzeichen übersehen, die einen stutzig hätten machen sollen, da denkt man, das wird schon noch und plötzlich geht gar nichts mehr. Aus und vorbei. Eine langjährige Beziehung geht von heute auf morgen in die Brüche. Der Partner geht und die Frage bleibt: Warum? Eine lang besiegt geglaubte Krankheit kehrt zurück und stellt alles in Frage, was gerade so gut lief. Wie geht’s jetzt noch weiter?

Aus und vorbei – das gibt es nicht nur im Fußball, das ist manchmal harte Realität. Auch die Bibel kennt diese Schicksale und Jesus begegnet den Menschen, die an einem solchen Tiefpunkt in ihrem Leben angekommen sind. Ihnen und uns sagt er: Egal, welche Rückschläge, Enttäuschungen, Niederlagen oder Ängste ihr erlebt – in Gottes Augen seid ihr immer geschätzt, wertgeachtet und geliebt. Für die Verlorenen, sagt Jesus – für die, die verloren haben, die sich verloren fühlen, die Niederlagen oder Verluste erlitten haben, für die bin ich gekommen. Um sie zu finden. Damit sie erkennen, dass sie noch einen festen Boden unter den Füßen haben. Dass es eben doch weitergeht.

Im Fußball ist nie alles aus und vorbei. Es gibt immer ein nächstes Spiel, ein nächstes Turnier. Auch für uns ist nicht alles aus und vorbei. In jeder ausweglosen Situation und noch über den Tod hinaus, geht der Weg Gottes mit uns weiter.

Pfarrer Philipp Essich, Evangelische Kirche Winnenden


Sonntagsgedanken zum 01. Juli 2018 (Waiblinger Zeitung)

Garten – Schatz des Lebens
Selten waren die Gärten so prächtig wie in diesem Jahr. Ein Garten ist zwar nicht das Paradies, wie in der biblischen Geschichte, kann aber doch paradisisch guttun. Hier erhole ich mich. Ich tanke auf. Ich atme den Duft der Blumen, und meine Augen freuen sich an der täglich sich verändernden Farbenpracht. Hier werden alle meine Sinne angesprochen sind: das Sehen, das Riechen, das Hören, das Schmecken und das Fühlen. Ich spüre die Fülle des Lebens in aller Schönheit. Hier bin ich bei mir und damit auch ganz bei Gott, dem Schöpfer der Welt.

Ein Garten ist ein Ort, um bei mir zu sein, zur Rekreation. Ausgleich zum täglichen Trubel, ein Rückzugsort, und zugleich ein Ort um die eigene Lebendigkeit neu zu erfahren, wenn ich rieche, schmecke, höre, sehe und taste. Der Garten – ein himmlischer, ein paradiesischer Ort. Der Schöpfer schenkt sich in seiner Schöpfung, und ich bin mittendrin.

Ein Garten ist ein Schatz für mein Leben, ein Ort, um die Fülle zu entdecken, die Gott bereitet und mir für mein Leben schenkt. Das Summen der Bienen, das Zwitschern der Vögel, die täglich wechselnde Farbenpracht der Blumen. Ein voller Strauß von Eindrücken, die täglich wechseln. Der Rhythmus des Jahres, die Jahreszeiten, spiegelt sich im Garten wider. Alles ist lebendig und verändert sich.

Im Garten fing alles an und in einem Garten wird es auch enden. Das Paradies ist ein Garten der Fülle. Ein geschützter Raum. Die Sehnsucht des Menschen nach dem verlorenen Paradies, nach Fülle und Schutz ist ja vielleicht auch die unbewusste Hoffnung jedes Hobbygärtners, dass er zumindest ein kleines Stück dieses Paradieses in seinem Garten wieder erleben darf. Wie die ersten Menschen im Einklang, in Harmonie mit Gott und der Natur zu leben.

Am Anfang der Schöpfung steht der Garten, der Garten Eden, wo alles gut und in Ordnung war. Am Ende wartet wieder ein Garten, das Paradies, wo auch wieder alles gut und in Ordnung ist. Hier auf Erden, in unserem Leben, haben wir Gärten als Geschenk für das Leben und für unsere Lebendigkeit. Ich ahne etwas von Gott und von seiner lebendigen Kraft.

Pfarrerin Anne Koch, Evangelische Kirchengemeinde Beinstein