Gedanken zum Volkstrauertag

"Gnade dir....und mir"

Vor mir liegt eine Postkarte, die ich aus dem Nachlass meines Vaters herausgesucht habe. Geschrieben von meinem Onkel an meine Großeltern, zwei Tage vor seinem 20. Geburtstag. Am Ende heißt es: »Ihr braucht Euch um mich keine Sorgen zu machen. Unkraut verdirbt nicht. Auf wiedersehen!«

Aus diesen als Beruhigung gedachten Worten spricht eine große Angst. Und diese war berechtigt. Es gab kein Wiedersehen. Einen Tag nach seinem Geburtstag erlitt er eine Verwundung, einen weiteren Tag später stirbt er in einem Lazarett bei Leningrad – heute St. Petersburg - im September 1941. Er sei den »Heldentod« gestorben, heißt es im Schreiben, das die Todesnachricht überbrachte und ebenfalls vor mir liegt.

Aus meiner Sicht sind diese Dokumente Zeugnisse davon, dass der Krieg menschliches Leben gnadenlos verdirbt und zerstört. Damals millionenfach, in vielen Gebieten dieser Erde noch heute und es ist eine große Verantwortung und ein Grund zur Dankbarkeit, dass wir in Europa schon seit Jahrzehnten in Frieden und Freiheit leben dürfen.

Allerdings bin ich der Überzeugung, dass ein Krieg nur die Spitze des Eisbergs ist, der nicht aus gefrorenem Wasser, sondern aus Gnadenlosigkeit besteht.

Diese Gnadenlosigkeit verdirbt aber nicht nur Beziehungen zwischen Ländern und Nationen. Nein, da müssen wir viel tiefer ansetzen, nämlich bei uns, in unserem Alltag. Und hierfür sind wir alle miteinander verantwortlich.

Eine Demokratie und lebendige Gemeinschaft lebt von der Diskussion, von unterschiedlichen Positionen und Ansichten. Sie lebt auch von einem konstruktiven Streit und vor allem davon, dass ich die Position meines Gegenübers nicht einfach übernehme, aber doch versuche, mich in mein Gegenüber hineinzudenken. Meine Erfahrung ist es, dass ich sehr viel von Menschen gelernt habe, die mich hinterfragt bzw. andere Positionen vertreten haben. Das hat meine Ansichten und meinen Glauben hinterfragt, mich herausgefordert und das kann sehr wertvoll sein. Vor allem dann, wenn es mit einer ordentlichen Prise Barmherzigkeit geschieht.

Eine gnadenlose Kritik und eine gnadenlos geführte Diskussion führen zur Spaltung und letztlich zur Zerstörung von Gemeinschaft. Ein Blick in die sogenannten »sozialen Medien« genügt und man hat unzählige Beispiele hierfür.

Darum ist es mir an diesem Volkstrauertag wichtig zu beherzigen, was Jesus Christus uns in der Bibel, im Lukasevangelium, Kapitel 6 Vers 31 mit auf den Weg gegeben hat:

»Behandelt die Menschen so, wie ihr selbst von ihnen behandelt sein wollt.«


Pastor Michael Löffler, Evangelisch-methodistische Kirche Bezirk Waiblingen