Sonntagsgedanken zum 06. Juni 2021

Raus aus der Bubble!

„Meine Kirche hat Mut bewiesen“, sagt die 25-jährige Philosophin Anna-Nicole Heinrich, nachdem die Synode der EKD, das Parlament der evangelischen Kirchen in Deutschland, sie am 8. Mai zu ihrer neuen Vorsitzenden gewählt hat. Im Masterstudiengang vertieft sie gerade ihr Wissen über die Relevanz der modernen elektronischen Daten- und Informationsverarbeitung für die Geisteswissenschaften. Sie befasst sich mit dem Menschenbild und mit menschlichen Werten, und sie wünscht sich eine Kirche, die über den Tellerrand hinausschaut.

Die Kirche muss das in den Blick nehmen, was die Menschen beschäftigt, fordert sie. Also: Raus aus der Bubble! Als die ersten christlichen Gemeinden vor knapp 2000 Jahren ihre Botschaft öffentlich verbreiteten, zogen sie sich nicht in eine geschützte christliche Blase zurück, sondern sie diskutierten das Evangelium mit den Zuhörern und riskierten dabei Widerspruch und lebensgefährliche Ablehnung. Als vor rund 500 Jahren Martin Luther darüber nachdachte, wie er die Bibel neu übersetzen könnte, erklärte er seine damals neuartige und ungewohnt direkte Sprache mit dem Satz: „Man muss dem Volk aufs Maul schauen“. Die Kirche muss auch gedanklich dorthin gehen, wo die Menschen sind. Das ist der Auftrag. Nur so wächst man. 

Auch im öffentlichen Diskurs muss man die eigene Meinung riskieren und in Frage stellen lassen. Sonst steckt man fest und verliert den Kontakt zur Wirklichkeit. Die ist nämlich nicht einseitig und grau, sondern vielfältig und bunt, und man kann nur gewinnen, wenn man sich ihr stellt und sie in immer neuen Facetten wahrnimmt.

Wenn man es sich in der eigenen Blase einrichtet und sich darin immer neue Bestätigung sucht, geht man bald grausam in die Irre. Fanatisches, enggeführtes Denken ist gefährlich, nicht nur für andere, sondern auch für einen selbst. Dass Menschen, die öffentlich ihre Meinung sagen oder für etwas eintreten, dafür gebrandmarkt und schlimmstenfalls sogar persönlich bedroht werden, zeigt, wie schnell das in eine Richtung gehen kann, die Menschen verachtet und vollkommen ohne Vernunft auskommt. 

Wer sich der eigenen Meinung sicher ist, der kann darüber auch gelassen in den Dialog gehen ohne sich abzugrenzen oder der Gegenseite das Rederecht abzusprechen. Also auch hier: Raus aus der Bubble und rein ins Gespräch, freundlich und neugierig darauf, ob man bei der Meinungsbildung vielleicht doch etwas übersehen hat.

Pfarrerin Veronika Bohnet, Evangelische Kirchengemeinde Waiblingen