Sonntagsgedanken zum 06. September 2020

Einfach mal aufblicken

Einfach mal aufblicken, den Blick nach oben heben, gen Himmel schauen, das Blau oder die Wolken und vor allem die Weite wahrnehmen – mir tut das gut mitten im Getriebe des Alltags mit all seinen Anforderungen, Terminen, Problemen, Fragen und all den Kleinigkeiten, die zu tun sind und nicht vergessen werden sollten. Inmitten von all dem einfach mal den Blick gen Himmel schweifen lassen. Nein, ich meine nicht das genervte Nach-oben-Drehen der Augen. Eher den wie bei einem Stoßgebet nach oben gerichteten Blick zum Himmel, aber etwas länger und ohne Seufzer, sondern mit einem tiefen Durchatmen. Probieren Sie mal, gerne auch am Sonntag vor allem aber mitten im Alltag.

Mir tut das gut. Es entspannt mich, es holt mich raus aus dem Klein-Klein, es weitet mir den Blick und den Horizont. Liegt es daran, dass viele Menschen beim Beten den Blick automatisch nach oben richten, wie zum Beispiel bei einem Stoßgebet? Oder ist es die Vorstellung, dass Gott im Himmel wohnt? „Ich hebe meine Augen auf zu dir, der du im Himmel thronst.“ So heißt es in Psalm 123. Nein, das ist es für mich jedenfalls nicht, auch wenn ich die Vorstellung, dass Gott erhaben ist, durchaus teilen kann. Aber so räumlich kann ich Gott nicht denken, das macht ihn für mich zu klein. Psalm 121 beginnt mit den Worten: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“ Und die Antwort lautet: „Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ Also nicht von den Bergen, auch nicht von den Göttern auf den Bergen ist Hilfe zu erwarten.

Und doch: Wenn ich im Alltag einfach mal aufblicke, kommt für mich Gott ins Spiel. Denn das Aufblicken weitet nicht nur meinen Blick in der Weite des Himmels. Wenn ich aufblicke, richte ich mich ganz von selbst auch auf, ich werde aufrechter, meine Nackenmuskeln entspannen sich und mein Brustkorb weitet sich, ich bekomme Luft. Für mich hat das alles mit Gott zu tun und damit, dass es nicht immer und vor allem um mich selbst geht. Denn auch das lässt mich der Blick der Blick nach oben und die dadurch neu gewonnene Haltung wahrnehmen: Da ist mehr als nur ich. Und es zählt mehr als nur ich. Auch diese Wahrnehmung weitet mich und gibt mir Luft.

Interessanter Weise hat Martin Luther den sündigen Menschen als „incurvatus in se“ beschrieben, als in sich selbst verkrümmt, wie ein Mensch, der nur noch um sich selbst kreist. Je mehr ich mich über meine eigenen Aufgaben und Probleme beuge und nur noch darum kreise, desto mehr entferne ich mich von anderen und auch von Gott. Und ich verliere an Freiheit, ich verliere die Freiheit, die Gott schenkt.

Im Getriebe des Tages einfach mal aufblicken. Ob mit oder ohne Gott. Es tut gut. Es hilft. Es gibt Luft. Es weitet den Blick.

Pfarrer Andreas Maurer, Vorstand der Paulinenpflege Winnenden