Sonntagsgedanken zum 11. Oktober 2020

Mose, Sinai und Cyber-Mobbing


„Du sollst kein Cyber-Mobbing machen!“ Das Mädchen aus meiner vierten Klasse, nennen wir es Nina, hat sich sofort gemeldet und wie aus der Pistole geschossen geantwortet. Ich bin beeindruckt. Ich frage die Klasse: „Cyber-Mobbing? Wer weiß, was das ist?“ Keiner meldet sich. Außer Nina natürlich. „Wenn man im Internet über andere lästert, sie beleidigt oder so.“ Die Kinder verstehen, was Nina meint.

Wir hatten gerade die Geschichte von Mose, wie er am Berg Sinai die Zehn Gebote empfängt. Das Gebot „Du sollst kein falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“ haben die Kinder angekreuzt, weil sie es nicht sofort verstanden haben. Sie konnten es sich dann selber erklären, weil ein falscher Zeuge vor Gericht als Erklärung einleuchtet. Und über andere Menschen Lügen verbreiten, um ihnen zu schaden, das kennen schon Viertklässler aus eigener Erfahrung.

Viertklässler denken viel nach und haben schon ein durchaus reifes ethisches Bewusstsein. Und über jemanden fiese Gerüchte verbreiten, das ist wirklich schlimm. Damit kann man ein Kind fertig machen, so dass es vielleicht sogar Angst hat, in die Schule zu gehen oder mit andern Kindern zu spielen.

Schließlich habe ich gefragt, wie man das alte Gebot heute und modern übersetzen könne. Ninas Antwort: „Du sollst kein Cyber-Mobbing machen!“ Besser kann man das nicht übersetzen. Verführt das Internet doch dazu, auf einfache und weitreichende Weise andere fertig zu machen. Und das darf nicht sein. Niemals.

Am Sonntag stehen in den Gottesdiensten der evangelischen Kirche Gottes Gebote im Mittelpunkt. Sie sind zeitlos. Kinder von heute verstehen sie. Sie sind klar formuliert, sie sind ein entschiedenes Nein zu allem, womit Menschen einander Schaden zufügen. „Du sollst nicht!“ töten, ehebrechen, stehlen, eifersüchtig begehren, Cyber-Mobbing.

Da geht es nicht um Spielräume, da gehts um klare Ansagen. Da geht es nicht nur um beliebige Angebote oder gute Tipps. Du sollst kein Cyber-Mobbing machen. Das gilt. Punkt. Wie auch im Grundgesetzt in der Tradition der biblischen Gebote steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Punkt. 

Wie genau wir mit den Geboten leben können, frei und verantwortlich, das braucht immer wieder das Gespräch. Wie in meiner vierten Klasse. Die Gebote dürfen nicht vergessen werden. Sie sichern ein Leben, in dem die Würde jedes Menschen gewahrt bleibt.


Pfarrer Hans Peter Weiß-Trautwein, Evangelische Kirchengemeinde Hertmannsweiler-Bürg