Sonntagsgedanken zum 18. April 2021

Hätte, hätte, Fahrradkette

Ja, ich gebe es gerne zu: ich bin genervt. Genervt angesichts der vielen Dinge, die ich so gern getan hätte, aber jetzt wegen Corona nicht tun kann: Konfirmationen im April und Mai in vollen Kirchen, ein „normales Abitur“ für meine Schülerinnen und Schüler, Urlaube, Restaurantbesuche etc. pp.
Andererseits bin ich unendlich dankbar: ich lebe in einem Land mit einem (noch) stabilen Gesundheits- und Sozialsicherungssystem, ich lebe in einer Demokratie mit Menschen in verantwortlichen Positionen, die, davon bin ich überzeugt, in den aller, allermeisten Fällen nur das Allerbeste für uns, die Bevölkerung, möchten – und auch so entscheiden (bei allen Fehlern, über die man hinterher so gut urteilen kann und die im vorherein oftmals so schwer zu überschauen sind).

Und ja, ich bin noch für eine Sache unendlich dankbar: nämlich für die vielen Menschen, die sich an die vielen notwendigen Regeln halten, die Menschen, die, auch wenn ihnen durch den Lockdown sowohl finanziell als auch emotional schier oder ganz die Luft zum freien Atmen fehlt, sich dennoch an die Regeln halten und dazu beitragen, dass wir gemeinsam die Krise bewältigen und uns nicht auseinanderdividieren lassen – auch wenn wir noch so genervt sind.

Deshalb: Ja, ich bin genervt … Aber nicht von den Regeln, auch nicht von den Politikerinnen und Politikern, die in der allerallergrößten Mehrheit einen Superjob machen und mir denen ich um kein Geld der Welt tauschen möchte. Ich bin genervt … von diesem blöden Virus! Er ist unser Gegner. Nicht die Menschen um uns herum.

Nur – das ist das Blöde an der Geschichte: den Virus interessiert nicht, was wir gerne getan hätten. Ihn interessieren keine Schulen, keine Geschäfte, keine Konfirmationen. Deshalb, so blöd es sich anhört: wir müssen gemeinsam durch die Krise. Miteinander und füreinander. Mein Jammern, unser Jammern, so verständlich es ist – es hilft nichts: „Hätte, hätte, Fahrradkette“.

Auch hilft es nichts, dass wir stattdessen Sündenböcke suchen, denen wir (angeblich oder real) die Schuld für unsere Einschränkungen geben können: DIE Politik … der Gesundheitsminister, die Kanzlerin … wer auch immer. SÜNDENBÖCKE TAUGEN NICHTS!

Das hat schon Jesus gesehen – deshalb ging er als Sündenbock für die Welt ans Kreuz von Golgatha: „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jesaja 53,5) … Das Kreuz von Golgatha, Jesu Tod und Auferstehung zeigt uns, wo wir wirkliche Erlösung finden: nicht in irgendwelchen Impfstoffen – so dankbar ich auch für sie bin - nicht in irgendwelchen menschengemachten Lösungen, die immer angreifbar sind, und immer angegriffen werden (so dankbar ich auch für die tollen Lösungen in unserem Land bin) … die Lösung findet sich für mich (und das ist meine ganz persönliche subjektive Meinung) allein im dankbaren Blick nach oben für die vielen tollen Dinge, die es in unserem Leben gibt, die wirkliche Lösung findet sich im TROTZDEM, im DENNOCH des Glaubens, der an Gott und seiner Liebe zu den Menschen festhält, auch wenn es so viele Gründe gibt, genervt zu sein.

Wie es in Psalm 73, Vers 23 so schön heißt: „Dennoch bleibe ich stets an dir, Gott, denn du hält mich bei meiner rechten Hand“.


Pfarrer Hartmut Greb, Evangelische Kirchengemeinde Birkmannsweiler-Höfen-Baach