Sonntagsgedanken zum 25. April 2021

„Jauchzet Gott, alle Lande!“ – So lautet der Titel und das Motto für diesen 3. Sonntag nach Ostern. Doch ich gebe zu: Nach Jauchzen aus vollem Hals und mit leichtem Herzen ist mir derzeit nicht. Zu eindrücklich sind mir die Bilder meiner häufigen Besuche auf den verschiedenen Covid-Stationen im Krankenhaus, die Begegnungen mit Patient*innen und Angehörigen. Zu eindrücklich sind mir aber auch die Gespräche mit den Pflegekräften dort. Erschöpfung, Enttäuschung, das Gefühl, im Stich gelassen zu werden, Unverständnis und das Gefühl, ausbaden zu müssen, was andere oft so lautstark und demonstrativ ignorieren – vorherrschende Gefühle dort. Und dabei doch immer der professionelle und engagierte Einsatz für die Menschen, die schwer krank sind.

Das Jauchzen bleibt mir oft im Hals stecken – stattdessen frage ich mich eher, wann wir, wann endlich unsere Gesellschaft und unsere Politik sieht, dass Pflege nicht nur etwas ist, was andere betrifft – sondern uns alle. Wie unter einem Brennglas werden in der jetzigen Pandemie Missstände im Gesundheitssystem besonders sichtbar.

Jauchzet Gott, alle Lande – verborgen ist Gott mir da oft. Sichtbar für mich jedoch als Mensch, der*die hilflos im Bett liegt – und Pflege und Aufmerksamkeit braucht. Sichtbar in den Augen, die mich hinter Visierschildern und durch Schutzbrillen anschauen. Und statt des Jauchzens und Jubelns fällt mir gegenwärtig oft eher der Gekreuzigte ein. Das Leiden und die Verzweiflung Jesu – bevor wir in den Osterjubel, das Jauchzen und das Lachen einstimmen konnten.

Mit diesem Jesus fühle ich mich verbunden – er ist mir nah in diesen Wochen und Monaten. Und nur von ihm aus und seiner Geschichte, seines Lebens, seiner Anteilnahme und Nahesein den Menschen, seines Leidens – und schließlich seiner Auferstehung erschließt sich mir das Jauchzen neu. Dieses Jauchzen kommt von einer ganz besonderen Erfahrung her, von Ostern. Da war das Leid. Der Tod. Die Dunkelheit und die Verlassenheit. Doch dann, einem Wunder gleich erlebten Jesu Freunde auf einmal: Jesus lebt. Ihre Tränen und ihr Schrecken wurde verwandelt in neue Hoffnung. Sie rückten zusammen – und wurden mutig, von diesem Jesus zu erzählen, sich wieder hinaus in die Welt und ins Leben zu wagen. Der schreckliche Tod Jesu hatte nicht das letzte Wort.

Mit dieser Oster-Erfahrung ist etwas Neues in unsere Welt gekommen. Eine neue Perspektive. Eine neue Hoffnung – und auch neue Maßstäbe. Die Hoffnung und die Vision davon, dass nichts so bleiben muss, wie es ist. Dass unsere Welt, dass wir Menschen neu werden können. „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ So fasst es der Apostel Paulus in Worte. Altes ist vergangen, Neues ist geworden. Damals, an Ostern, und bis heute für uns. Und das hat Folgen. Ganz konkrete. In meinem Handeln. In politischen Entscheidungen. In neuen, veränderten Maßstäben. In dem, was wir für wichtig erachten in unserer Gesellschaft, für unser Gesundheitssystem und die Menschen, die dort arbeiten – für uns.

Altes ist vergangen, Neues ist geworden. Das stärkt meine Hoffnung, dass diese Pandemie irgendwann endet. Dass wir Menschen uns ändern können. Dass auch Politik sich ändern kann. An dieser Hoffnung halte ich fest, immer wieder neu. Wenn ich sehe, wie die Frühlingsblumen den Nachtfrösten trotzen. Wenn ein Mensch gesund wird. Wenn ich jeden Tag die Menschen im Krankenhaus sehe, die trotz allem ihre Arbeit tun. Jauchzet Gott – sicher immer wieder mit Tränen in den Augen. Vielleicht auch nicht so stimmgewaltig, sondern nur leise summend. Denn wir und unsere Welt werden neu werden!

Pfarrerin Annkatrin Jetter, Evangelische Krankenhausseelsorgerin im Rems-Murr-Klinikum Winnenden