Sonntagsgedanken zum 30. Mai 2021

Hoffung auf Normalität

Viele sind in diesen Tagen nach langer Zeit wieder in den Urlaub gefahren. Manche gönnen sich einen Ausflug zum nächsten Biergarten, der schon geöffnet hat. Die Inzidenzzahlen sinken und die Hoffnung auf Normalität steigt.

Aber was ist das eigentlich „Normalität“? Wollen wir wieder so leben, wie vor zwei Jahren, als noch alles normal war? Aber es ist noch nie gelungen, die Zeit einfach zurückzudrehen. Normalität entwickelt sich zu einem Zukunftsbegriff, den es zu gestalten und zu erklären gilt. Welches Ziel haben wir vor Augen?

Natürlich wollen wir unsere Freiheitsrechte wiedererlangen. Aber da stellt sich die Frage, wie gehe ich mit meiner Freiheit um? Freiheit besteht eben nicht darin, zu tun und zu machen, was ich gerade will, ohne Rücksicht auf andere. Sondern Freiheit besteht darin, meine Fähigkeiten, meine Interessen, meine Vorlieben so einzubringen, dass ein gutes Zusammenleben in der Familie, im Freundeskreis, in Gemeinschaften und Gruppen ermöglicht wird.

In den letzten Wochen und Monate musste wir ja erfahren, wie belastend es ist, wenn Gemeinschaften und Beziehungen nicht mehr gestaltet werden können. Besonders Kinder und Jugendliche haben darunter gelitten. Es fehlte nicht an Schulstoff, sondern am Zusammenleben mit Freunden und Klassenkameraden. An Einsamkeit und mangelnden Kontakten leiden Studenten aber auch alte Mitmenschen im Pflegeheim. Wir alle brauchen Gemeinschaft, Freundschaft und Beziehungen. Aber wie können wir dieses Zusammenleben zum Wohlergehen aller gestalten?

Als Christen haben wir das Bild vom Körper, der aus vielen Gliedern besteht. Paulus sagt: Wir haben verschiedene Gaben und Fähigkeiten von Gott bekommen. Jeder Mensch ist unterschiedlich, aber er soll seine Fähigkeiten zum Nutzen der Gemeinschaft einbringen. So wie jedes Köperteil, ob Auge, Arm oder Fuß wichtig ist für den Körper, so sind wir in unserer Individualität wichtig für das Zusammenleben in der Gesellschaft.

Wenn wir unsere Fähigkeiten als Geschenk Gottes verstehen, fällt es uns leichter - erfüllt von einer großen Dankbarkeit und Freude – diese Fähigkeiten zum Nutzen aller einzubringen. Nur so lässt sich Normalität in seiner ganzen Vielfältigkeit gestalten.

Diakon Eugen Haag, Katholische Kirchengemeinde St. Antonius, Waiblingen