Gedanken zu Himmelfahrt 2020

Tägliche Himmelfahrt

In einer russischen Dichtung erzählten sich die Leute, dass der Geistliche des Dorfes jeden Morgen vor dem Morgengebet den Himmel besuchen würde. Einer wollte der Sache auf den Grund gehen und den ganzen Schwindel aufdecken. Deshalb legte er sich frühmorgens noch vor Sonnenaufgang auf die Lauer, um dem Priester zu folgen.

Und tatsächlich: Ganz früh am Morgen verließ der Gottesmann sein Haus. Er war gekleidet wie ein Landarbeiter und ging in den Wald. Der Beobachter folgte ihm vorsichtig und schaute genau was dieser tat: er fällte Holz und spaltete es, er lud sich das Holz auf den Rücken und schleppte es in das ärmliche Haus einer Frau. Der Mann spähte vorsichtig durch das Fenster, da sah er: Der Pfarrer kniete auf dem Boden und machte den Ofen an.

Als der Beobachter später in die Stadt zurückkam, fragten ihn die Leute „Na, hast du den Schwindel aufgedeckt? Was ist denn nun dran an der täglichen Himmelfahrt?" Der Mann antwortete beschämt: „Der Mann steigt noch höher als bis zum Himmel."

Gott und sein Himmel sind für viele ganz weit weg. Das ist in dieser Legende anders Der Himmel ist ganz nah, ganz unten. Wir würden Gott wahrscheinlich woanders vermuten und ihn allenfalls in einem Gotteshaus suchen, in der Bibel, im Gebet und Meditation oder in der Schöpfung.

Die Legende aber nennt einen anderen Fundort: Ganz unten - in einer hilfsbedürftigen Frau begegnet er dem Himmel. Er dient Gott, indem er tut was die Situation erfordert, was jetzt dran ist. Er macht sich zum Diener, der Holz fällt, das Feuer entzündet und eine Wohnung wärmt. Diese Legende durchbricht die gewohnten Wege der Gottsuche und bricht zu einer Gotteserfahrung durch, die sich in dem Satz verdichtet: Suchst du Gott, dann such ihn unten! Wo die Liebe wohnt, da ist unser Gott.

Himmelfahrt kann uns daran erinnern, dass Gott uns Menschen nahe gekommen ist und in dieser Nähe bleibt. Unsichtbar, aber doch gegenwärtig. Weggegangen in größere Nähe. Himmel ist dort, wo Gott uns begegnet. Diese Begegnung sollte uns motivieren, uns für seine Welt einzusetzen. Dann wäre ein bisschen mehr Himmel! 

Pfarrer Joachim Bauer, Neustadt