Gedanken zu Pfingsten von Pfarrer Reimar Krauß

Gottes Geist für eine neue Wirklichkeit

Der Ehrgeiz der Menschheit bestand einst darin, den höchsten Turm zu bauen. Ein Bauwerk sollte es werden, dessen Spitze an den Himmel reicht. Antrieb zu dieser Höchstleistung war nicht allein Ehrgeiz. Es war auch die Angst der Menschen, sich in der Welt zu verlieren. Es war die Angst, in Bedeutungs-, Beziehungs- und Orientierungslosigkeit zu geraten: Das gemeinsame Turmbauen würde sie sichtbar machen und zusammenschweißen. Ihren Turm würde man von überall sehen können. Nach der biblischen Erzählung ging den Menschen über dem großen Vorhaben die gemeinsame Sprache und die Erinnerung an ihren Ursprung verloren.

Ehrgeiz und Angst stehen auch heute oft Pate bei menschlichen Vorhaben: Wer steht als erstes auf dem Mond? Wer hat die besseren Waffen? Gegeneinander statt Miteinander. Grenzen überschreiten statt anerkennen.

Mitte März kam in unserem Land das öffentliche Leben nahezu zum Erliegen. Das brachte nicht nur Nöte zum Vorschein: Die Grenzen zwischen Lebenswichtigem auf der einen und Angenehmem auf der anderen Seite wurden neu gezogen. Die Luft wurde sauberer. Die Zahl der Verkehrstoten sank.

Zerstören ist leichter als aufbauen. Einen Streit anzetteln geht schneller als Frieden stiften. Das Herunterfahren des öffentlichen Lebens war leichter als es jetzt wieder hochzufahren. Wie wird die neue Wirklichkeit mit und nach Corona aussehen? Wer gestaltet sie? Wer erhält Unterstützung? Welche Wertschätzung bleibt den „Helden“ der Corona-Krise?

Da ist die Sehnsucht, alles möge wieder werden wie zuvor. Und da ist die andere Sehnsucht nach einer besseren Zukunft: Keine drangvolle Enge mehr, sondern Luft zum Atmen. Zeit für und mit sich selbst statt wieder Hamsterrad. Vogelgezwitscher statt Straßenlärm.

Zur neuen Wirklichkeit mit und nach Corona tragen wir alle bei. Dabei wird es nicht allein auf unser menschliches Können ankommen. Auch die Angst sollte nicht unser wichtigster Ratgeber sein.

An Pfingsten feiern wir das Kommen von Gottes Geist. Dieser Geist schenkt Orientierung, die ohne hohe Türme und Ortungssysteme auskommt. Er steht für eine neue, weltweite Verständigung der Menschen untereinander. Er steht für die bleibende Verbindung mit dem Ursprung des Lebens und für die Unantastbarkeit der Würde des Menschen. Also: Gottes Geist für eine neue Wirklichkeit!

Pfarrer Reimar Krauß, Evangelische Schloßkirche Winnenden