Sonntagsgedanken zum 02. Juni 2019

Grüßen

Ich gehöre nicht zu den Motorradfahrern, die seit dem Frühling wieder vermehrt unterwegs sind, gemütlich oder sportlich die Freiheit der Straße auskosten. Ich gehöre nicht zu ihnen - doch wegen einer Sache liebe ich sie und wäre gerne einer von ihnen: sie grüßen sich! Die Hand kurz vom Lenker lösen und heben, ein kleines Signal im Vorbeifahren: ich sehe Dich, uns verbindet etwas, und: ich schau nach Dir, wenn was mit Dir ist.

So jedenfalls begreife ich es. Grüßen signalisiert dem Anderen, dass wir ihn wahrnehmen, ihn sehen und nicht übersehen. Dass wir nicht beziehungslos und auf Distanz bleiben, dass der oder die Andere uns nicht egal ist. Wir werden Rücksicht und Anteil nehmen, selbst dann, wenn wir einander fremd sind. Es ist wie eine Zusicherung: wir sind ansprechbar, bereit zu helfen, wenn es nötig und soweit es uns möglich ist.

Klar, das geht nicht immer. Zuweilen sind wir so mit Eigenem beschäftigt, dass da für Andere keine Aufmerksamkeit mehr ist. Oder es sind schlicht und ergreifend so viele um uns herum, dass wir völlig überfordert wären, jede und jeden einzelnen wirklich wahr zu nehmen. Schade eigentlich. Denn wie wertvoll und kostbar ein Gruß, ein Signal der Beachtung ist, ist mir auf dem Weg zur Arbeit aufgegangen. Regelmäßige Dienstzeiten und der Rhythmus von Bus und Bahn führten dazu, dass mir dort häufig zwei Frauen entgegen kamen. Mit der einen von beiden kam es schon bald zu Zeichen des Wiedererkennens: ein Kopfnicken, ein ‚Hallo‘ oder ‚Guten Morgen‘, ein Lächeln - nie mehr. Die andere dagegen - zuweilen wenige Meter davor oder danach - blieb über Jahre hinweg unnahbar und abweisend, ihr Blick ging durch einen hindurch. Entsprechend unterschiedlich wirkten diese Begegnungen, die „Augen-blicke“ im Vorbeigehen - schön und erfreulich die einen, frustrierend und kalt die anderen. Und ich spürte überdeutlich, wie schon mit einer Geste des Wahr-nehmens, der Be-achtung, mit einem kurzen Gruß oder einem Lächeln im Vorübergehen wir einander wohl tun.

Hermann Mezler ist kath. Klinikseelsorger für die Psychiatrie in Winnenden und Schwäbisch Gmünd