Sonntagsgedanken zum 03. November 2019

"Ich weiß, dass mein Erlöser lebt"

 „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ soll Sokrates gesagt haben. Das gilt heute mehr denn je. Schließlich entwickelt sich das Wissen immer weiter, und das weltweite Netz eröffnet noch mehr Möglichkeiten an Wissen. Was beim Wissen so ist, ist erst recht bei den technischen Geräten der Fall. Wer glaubt, ein neues Gerät erworben zu haben, wird morgen feststellen, dass es veraltet ist.

 Bei allem begrenzten Wissen weiß der Mensch doch aber eines: „Meine Lebenszeit ist begrenzt.“ Wir wissen das, aber wir verdrängen es zu gerne. Bewusst wird es uns, wenn der Tod eines nahen Menschen schmerzhafte Wunden ins Leben schlägt. Mag der Tod einen Menschen erlösen oder zur Unzeit kommen, es ist sicher, dass er kommt und Leben beendet.

 „Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Hiob, ein Mann aus dem Alten Testament sagt diesen Satz. Er, der Kinder verloren, Besitz verloren, mit schmerzhafter Krankheit geschlagen, am Ende des Lebens angekommen ist weiß, dass das Leid, der Schmerz, der Tod zum Leben dazugehören, weil er es selbst erfahren hat. Er könnte tatsächlich wie das Häuflein Elend, das er ist, seinem Tod entgegentreten. Doch Hiob weiß mehr. „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“, heißt sein Glaubenswissen, der sich aus der Geschichte seines Volkes nährt.

Gott ist der lebendige Gott, der sich mit dem Volk auf den Weg in die Freiheit macht. Der Gott, der selbst das Leben ist und das Leben will. Das weiß Hiob, weil er es von Kindesbeinen an gesagt, vorgelebt, erzählt bekommen hat. Es wäre aber leeres Wissen, wenn nicht Glaubenserfahrung dazugekommen wäre.

In seinem Leben mit allen leidvollen Erfahrungen muss er Begegnungen mit Gott erlebt haben, die ihn diesen Satz sprechen lassen und auch sein Verhältnis zum Tod verändert haben. Erfahrungen, die ihm deutlich machen: Gott lebt über meinen Tod hinaus. So wie er mir im Leben begegnet, so wird er mir im Tod und nach dem Tod begegnen.

„Ich bin dein Gott und ich bin für dich da“, das ist die Selbstvorstellung Gottes. Sie gilt im Leben und erst recht übers Leben hinaus. Vielleicht kann man ja in diesem Wissen im November leichter an die Gräber der Lieben gehen, und vielleicht leuchtet so ja auch die eigene Sterblichkeit in einem anderen Licht. „Ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ich weiß doch, dass mein Erlöser lebt.“

Pfarerin Anne Koch, Evangelische Kirchengemeinde Beinstein