Sonntagsgedanken zum 11. August 2019

Bitte nicht weiterlesen!

Bitte nicht weiterlesen, wenn Sie keine Zeit zum Nachdenken haben. Denn es gibt Texte, die sich nur erschließen, wenn ich sie bedenke, mal drüber schlafe, noch mal zur Hand nehme. Einen solchen Text hatten wir offensichtlich bei der Erinnerungsfeier den Angehörigen von Verstorbenen der Palliativstation vorgelesen. Denn drei Tage später bat mich die Ehefrau eines Mannes, der bei uns verstorben war, darum, ob ich ihr den Text zukommen lassen könnte, denn er habe in ihrem Inneren etwas bewegt. Es handelte sich um diese Zeilen des Dichters Rainer Maria Rilke:

„…reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen des Frühlings steht, ohne Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte. Er kommt doch. Aber er kommt nur zu den Geduldigen, die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge, so sorglos, still und weit…Man muss Geduld haben gegen das Ungelöste im Herzen und versuchen, die Fragen selber liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Es handelt sich darum, alles zu leben. Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antwort hinein.“

Da wird keine Gebrauchsanleitung formuliert, kein schneller Trost verordnet, kein Rezept verpasst. Es wird eine sehr existentielle Situation erzählt und wir werden eingeladen, eine kleine Wanderung mitzumachen: zu einem Baum, vor eine verschlossene Stube und zu einem Buch mit nicht entziffertem Text.

Der Baum wird hier zu einem Bild von mir selbst, der trotz den Stürmen meines inneren Aufgewühltseins steht und sogar noch reift. Die verschlossene Stube ist eine Raum in mir, der sich noch nicht aufgetan hat, so wie das Buch, das ich zwar in der Hand halte, aber nicht lesen kann. Wir werden eingeladen, die Erfahrung des totalen Verlustes „als Frage zu leben“ und mit „leben“ ist ein Reifungsprozess gemeint, ein Wachstum in und an den Widrigkeiten meines Lebens.

Da in unserer durchorganisierten digitalen Ja- oder-Nein-Welt kaum mehr Platz für Reifungsprozesse ist, tun wir uns wohl schwer mit der Geduld, hätten gerne immer alles gleich und sofort. Dabei übersehen wir, dass wir Geschöpfe sind unter Mit-Geschöpfen, jedes mit Eigenwert und Eigenzeit.

In diesem Sinne gehen wir dem Sommer und der Sonne entgegen und erhoffen von ihnen die nötige Wärme in den Fragen und Stürmen, nicht nur jetzt in der Urlaubszeit.
Wenn Sie mögen, dann nehmen sie einfach das Gedicht von Rilke dahin mit....


Pastoralreferent Martin Stierand, Katholischer Krankenhaussseelsorger am Rems-Murr-Klinikum Winnenden