Sonntagsgedanken zum 12. Mai 2019

Sonntagsgedanken am 12.05.2019

„Danke Mama, dass du nicht Papa bist.“

Mit dieser Werbung zum Muttertag hat sich eine Lebensmittelkette vor ein paar Tagen einen ordentlichen Shitstorm eingehandelt. Dem obigen Zitat vorausgehend werden Väter gezeigt, die sich ziemlich dusslig anstellen. Klischee lässt grüßen.

Doch es gibt tatsächlich einen nicht geringen gesellschaftlichen Druck, wie Mütter (und Väter) zu sein haben. Musste sich vor etwa 25 Jahren eine berufstätige Mutter mit kleinen Kindern den Vorwurf der Rabenmutter gefallen lassen, wird heute mit Erstaunen nachgefragt, warum sie denn noch nicht wieder arbeite, wenn das Kind schon ein Jahr alt ist. Hand in Hand mit der Weiterentwicklung der vorgeburtlichen Diagnostik tun sich nun weitere gesellschaftlichen Erwartungen gegenüber Müttern – und natürlich auch Vätern – auf. Nicht mehr die Fruchtwasseruntersuchung durch Punktion ist nötig, sondern ein einfacher Bluttest offenbart den Eltern, ob das Kind mit einer Behinderung zur Welt kommen wird oder nicht. Die Einfachheit der Diagnose macht die Situation sehr viel komplizierter.“ War bisher das Risiko bei der Punktion ein verständlicher Grund zur Ablehnung, so fällt dieses Argument in Zukunft weg. Und das Ergebnis kann mich in große Entscheidungsnot bringen. „Heute muss doch wirklich niemand mehr ein behindertes Kind zur Welt bringen“ – wird manche Mutter zu hören bekommen.

„Wir waren Überraschungseier“, so sagte kürzlich ein kontergangeschädigter Mann, der heute Menschen Mut macht, das Leben – auch als Nichtbehinderter – mutig anzupacken. Und das tat sehr gut, gerade weil er behindert war. In meinem Alltag habe ich sehr viel zu tun mit Menschen mit Behinderung unterschiedlichster Art. Menschen mit geistiger Behinderung arbeiten in den Werkstätten der Paulinenpflege. Menschen mit unterschiedlichen Handicaps erlernen im Berufsbildungswerk einen Beruf. Gehörlose oder hörgeschädigte Jugendliche, junge Menschen mit Autismus oder einem sonstigen Handicap machen in diesem Jahr zum ersten Mal das Abitur in der “ Schule beim Jakobsweg.“  In großer Selbstverständlichkeit ist hier jeder anders, darf jeder anders sein und seinen Weg gehen. Mit großer Freude gehe ich oft von den Wohngruppen der geistig behinderten Menschen weg, weil ich spüre, wie echt sie sind, voller Leben in Freude und Trauer und wie liebevoll mit ihnen umgegangen wird. Natürlich gibt es dort auch Probleme und Streit, es soll hier nicht in rosa gemalt werden. Aber man ist ganz nah am echten Leben dran. Das würde uns auch in anderen Lebensbereichen guttun. Es immer eine große Herausforderung für Eltern, ein Kind mit Handicap zu bekommen. Doch ich hoffe sehr, dass die Vielfalt der Kinder Gottes nicht das Opfer unserer medizinischen Möglichkeiten wird und Mütter und Väter sich weiterhin auf Überraschungseier freuen können.

Perfektion macht uns nicht lebendiger!

Irmgard Kaschler, Pfarrerin in der Paulinenpflege Winnenden