Sonntagsgedanken zum 14. April 2019

Wirklich Mensch und wirklich Gott

Mit diesem Satz antworten die Bibel und das Glaubensbekenntnis auf die Frage, wie man sich Jesus Christus vorstellen soll. Jetzt in der vorösterlichen Zeit wird diese Frage besonders spannend. Wer stirbt denn an Karfreitag an einem römischen Kreuz? Ein Mensch, ein begabter Prediger und Arzt, der sich besonders für den Glauben und die Gerechtigkeit eingesetzt hatte? Oder Gott selbst? So erklärten nach Ostern immer mehr Menschen aus den ersten christlichen Gemeinden sich und einander diese grausame Geschichte, die so ein sonderbares Ende hatte.

War Jesus ein Mensch oder war er Gott? Oder war er beides, wie es im christlichen Glaubensbekenntnis ausgesprochen wird? Und wie könnte man das gemeinsam denken?

Eine Konfirmandin malt ein Bild, um mir zu erklären, wie sie das sieht. Links malt sie längs durchgeschnitten die Hälfte eines gehäuteten Menschen, so wie man es manchmal in Biologiebüchern oder in medizinischen Handbüchern sehen kann. Sauber dargestellt sind Muskelstränge und Blutbahnen, Fleisch und Knochen. Das macht uns Menschen als Geschöpfe dieser Erde aus: Wir sind aus Fleisch und Blut. Wir werden geboren und wachsen auf, wir lernen und arbeiten, wir können uns fortpflanzen. Immer ist unser Leben bedroht, und schließlich sterben wir.
Rechts zerfließt das gemalte Bild. Es wird zu einer silbrig schimmernden Wolke, die über den Rand hinaus gleitet, nicht greifbar, nicht fassbar. Ein Teil von Jesus war nicht Teil dieser Welt. Er gehörte in eine andere Welt, die aus Geist und Seele und Unendlichkeit besteht.

So wird Jesus in der Bibel beschrieben. Auf der einen Seite ist er ganz Mensch, verwundbar und verletzlich. Man kann ihm wehtun, ihn foltern und sogar töten. Das geschieht an Karfreitag, weil einige Zeitgenossen Jesu überzeugt waren, dass er gefährlich sei für den Staat und für den Glauben.
Es gibt es aber noch eine andere Dimension. Jesus war auch ein Teil einer jenseitigen, nicht materiellen Welt, die wir Himmel nennen. Gottes Sohn nennt ihn die Bibel. Dorthin hätte er nach seinem Tod einfach zurückkehren können. Das hätte niemanden besonders beeindruckt. Aber die Bibel erzählt, er habe in unserer Welt noch etwas zu tun gehabt. Er sei hierher zurückgekehrt als Mensch aus Fleisch und Blut, und er habe uns Menschen auf seinem endgültigen Rückweg in den Himmel mitgenommen.

Eine höchst sonderbare Geschichte ist das. Dieses zweigeteilte Bild vom Menschen erzählt ja auch etwas über uns. Auch wir sind wegen Ostern nicht nur Materie. Auch uns steht offen, wohin das Bild sich streckt: Es geht um eine Welt, die nicht mit unseren irdischen Bildern beschrieben werden kann. Es geht um eine Welt, die schimmert und zerfließt. Wir gehen nicht automatisch dorthin. Wir müssen uns mitnehmen lassen von einem Gott, der liebt und sich nach seinen Geschöpfen sehnt. Wie jene Welt aussehen wird, darüber macht die Bibel kein Aussagen. Vollkommen anders wird das sein. Sie ist Geist und Seele und Unendlichkeit. Mit Machtkampf, Abgrenzung und der Überzeugung, besser zu sein als andere, wird Gottes neue Welt nichts anfangen können. Wenn wir das hier schon einüben, dann habe wir auch hier schon ein wenig von diesem Schimmer und Glanz, den das Bild Jesu verspricht. 


Pfarrerin Veronika Bohnet, Evangelische Kirche Waiblingen - Johannes unter dem Kreuz