Sonntagsgedanken zum 17. Mai 2020

Verantwortung

"Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast". Viele kennen den Satz aus „Der kleine Prinz“ von Saint-Exupery. Verantwortung übernehmen, das hat gerade wunderbar funktioniert. Der Großteil der Bevölkerung hat erkannt: Ich kann Leben retten, indem ich möglichst zu Hause bleibe, unterwegs die Abstandsregeln einhalte und (neuerdings) Schutzmaske trage. Verantwortliches Handeln geht sogar weiter. Letzthin war ich unterwegs, um bei einem Gemeindeglied Geburtstagspost einzuwerfen. An der Tür zum Mehrfamilienhaus sah ich den Zettel, wo jemand aus der ferneren Nachbarschaft anbietet, Besorgungen zu machen. Die Kirchen haben diesen Dienst ja ihrerseits organisiert und viele Freiwillige sind dabei. Aber auch Eigeninitiativen gibt es vielerorts. Wir waren es gewohnt, dass wir Verantwortung abgeben konnten. Staat, Kirche, Diakonie sorgen für das Wohl der Menschen und kümmern sich um Notsituationen. Mit der Pandemie ist die Not plötzlich über uns alle verbreitet. Der Staat bittet uns darum, Verantwortung zu tragen. Es war eine gute Erfahrung, dass man Verantwortung übernehmen kann und miteinander die Früchte verantwortlichen Handelns sehen kann: Deutschland ist bisher relativ gut durch die Corona-Krise gekommen.

Nun haben wir die ersten Lockerungen. Auch der Ball rollt schon wieder. Und wir erleben Lautstarke auf der Straße, die mehr und mehr verlangen und den Verantwortlichen verbreitet Böswilligkeit unterstellen.

Die Verantwortlichen erleben Druck von vielen Seiten. Wer wo auch immer gerade besondere Verantwortung trägt: Sie oder er steckt in dem Dilemma, Entscheidungen treffen zu müssen, ohne die Entwicklung überblicken zu können. Man nennt es: „Auf Sicht fahren.“ Da muss man vorsichtig und langsam fahren und wird aber zum rascheren, mutigeren Vorwärtsgehen getrieben. "Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast". Derzeit und eigentlich auch sonst müssen wir Verantwortung tragen weit über den Kreis derer hinaus, die wir uns vertraut gemacht haben. Manche Menschen erleben in ihrem Umfeld nicht die Härte einer Erkrankung mit dem Virus. Sie erleben nicht den derzeitigen Klinikalltag auf betroffenen Stationen. Aber wir sind verantwortlich. Wir sind auch verantwortlich für Lebensbedingungen unserer Mitmenschen noch viel weiter weg von uns, sofern deren Lebensbedingungen durch unser Konsumverhalten beeinflusst wird. Wir sind verantwortlich für das Wohl von Tieren, für die Vielfalt in der Schöpfung, für Maßnahmen gegen den ungebremsten, menschengemachten Klimawandel.
Vor wem müssen wir uns verantworten? Die meisten Leserinnen und Leser werden wohl nicht zu denen gehören, die eine Corona-Party feiern und sich erst durch Besuch der Polizei zur Verantwortung gezogen sehen. Ich schreibe hier in der Sonntagskolumne aus kirchlicher Sicht und sehe uns in der Verantwortung vor Gott. Das teilen nicht alle Menschen. Aber es ist in meinen Augen sehr hilfreich. Gott macht uns mit seinen Geboten den Wert allen Lebens ganz groß. Es gilt, Leben zu schützen. Gott stellt uns in eine freie Verantwortung. Er macht uns Mut, für jeweils eine Situation des Lebens Entscheidungen zu treffen und entsprechend zu handeln. Wir können, weil wir eben nicht alles überblicken, mit einer Entscheidung daneben liegen und schuldig werden. Was für den einen gut ist, ist für einen anderen weniger gut. Gott entlastet uns, weil er dem, der für den Erhalt des Lebens einsteht und bei bestem Willen und Vermögen doch schuldig wird, immer mit seiner Vergebung begegnet.
Nur eine Situation wird in der Bibel sehr kritisch bewertet: Wenn Verantwortliche den Weg des geringsten Widerstandes gehen, statt standhaft zu bleiben, und damit eine Gefahr heraufbeschwören.

Michael Oswald, Pfarrer an der Martin-Luther-Kirche in Waiblingen