Sonntagsgedanken zum 19. Juli 2020

Wenn die Ungeister lauter werden

Verständigung zwischen Menschen unterschiedlichen Denkens und Glaubens ist nicht einfach. Manche behaupten deshalb, es würde wesentlich weniger Konflikte und Kriege geben, wenn es keine Religionen geben würde. Das halte ich für unwahrscheinlich, denn oft sind es nicht wirklich religiöse Unterschiede, sondern politische Differenzen, die hinter den religiösen Konflikten stehen. In Wirklichkeit geht es meistens gar nicht um Glaubensfragen, sondern um Macht und Machterhalt. Doch Gespräche und Verstehen können schwierig sein, selbst wenn Menschen die gleiche Sprache sprechen. Und wo die Waffen schneller sind, wo die Waffen reden, da verstummt das Gespräch. In eine derartige Situation einen anderen Geist zu bringen, einen Geist der Offenheit und Toleranz, einen Geist des Friedens, das ist manchmal fast unvorstellbar – wie uns nicht nur die amerikanische Nation gerade erschreckend demonstriert. Dagegen scheint ein lebensfeindlicher und hasserfüllter Ungeist unüberwindbar zu sein.

Als Nachfolger des Verurteilten und Gekreuzigten waren sich auch die Jünger Jesu sich nicht sicher, wie die andersgläubigen Menschen auf sie reagieren werden. Hinter verschlossenen Türen fühlten sie sich am sichersten. Und dann bricht Gottes Gegenwart in diesen Raum ein und öffnet die Tür, öffnet die Herzen und die Ohren. Gottes Geist schickt sie auf den Marktplatz, schlägt nicht in die Flucht, bedroht niemand, ist nicht rechthaberisch und verurteilend. Er überwindet die trennenden Grenzen zwischen Menschen, und - für alle sehr erstaunlich – sie verstehen einander.

Nein, das ist nicht selbstverständlich. Selbst wenn wir die gleiche Sprache sprechen, ist es nicht immer einfach, sich zu verstehen. Ich höre die Worte des anderen verletzend und schweige, trage die Verletzung mit mir herum und sie kann in mir ihr Unheil anrichten. Hätte ich nachgefragt, hätte ich vielleicht gemerkt, dass es gar nicht so gemeint war, dass ich die Worte nur mit einem ganz falschen Vorverständnis gehört habe.

Vielleicht ist gerade darum einer der Namen des Heiligen Geistes „Tröster“, weil Menschen so viele Worte hören, die sie verletzen, weil wir Menschen so viel Trost brauchen in unserem Leben und weil gerade die ungetrösteten Seiten in uns so viel Unheil anrichten können. Im Heiligen Geist kommt die liebende und heilende Gottesart zu uns Menschen und berührt uns. Gottes Nähe steht auch nach dem Weggang Jesu nicht in Frage. Und wie Gott uns nahe ist, so sollen auch wir Menschen uns nahe sein können in unserer Unterschiedlichkeit und in unserer Verletztheit. 

Ohne den Heiligen Geist kann unsere Kirche, können unsere Gemeinden nicht bestehen. Wo sie trotzdem bestehen, da weht ein anderer Geist – welcher auch immer. Und ich bin mir sicher, dass Gott nicht weniger gegenwärtig ist in unserer Zeit als zur Zeit der ersten Christen und, dass er nicht ein anderer ist in unserer Zeit.

Diesen Geist Gottes braucht unsere Welt, der Gottes Liebe und Maßstäbe neu in unsere Herzen legt. Liebe, die nicht mehr kopflos tanzen möchte auf dünnem Eis und die Augen verschließen möchte vor den Gefahren. Liebe, die nicht den Starrköpfen, Lobbyisten und Fundamentalisten mit ihren einfachen Antworten glauben möchte, sondern bangen lässt. Mit einem Herzen voll Liebe und Sorge bangen lässt, wie wir Menschen uns hoffentlich und endlich als große Gemeinschaft verstehen und sehen lernen, die begreift, dass diese Welt nur ein Boot ist, in dem wir alle sitzen – die Mitgeschöpfe eingeschlossen.

Den Ungeistern zum Trotz vertraue ich darauf, dass der lebendige Geist Gottes uns aus unseren engen, verschlossenen Kammern holt und wir uns auf dem Marktplatz des Lebens treffen, verstehen und gemeinsam handeln.

Pfarrerin Irmgard Kaschler, Paulinenpflege Winnenden