Sonntagsgedanken zum 24. Mai 2020

Gesunde Konkurrenz

Im Laufe seiner Regierungszeit hatte der römische Kaiser Konstantin der Große (er starb im Mai 337 n.Chr.) dem Christentum den Weg zur Staatsreligion im Römischen Reich geebnet. Zwei Jahrzehnte später versuchte sein Neffe und Kaiser Julian Apostata (übersetzt: der Abtrünnige) den christlichen Glauben zugunsten des Heidentums wieder abzuschaffen. Es blieb eine kurze Episode, denn er fiel mit nur 32 Jahren in einer Schlacht.

Kaiser Julian hatte keine Gewalt oder Verfolgung geplant, sondern er wollte das Christentum überflüssig machen, indem er inhaltlich alles übernahm, was für Bewohner des römischen Reiches am Christentum so anziehend erschien. Dafür startete er eine große Bildungsoffensive und versuchte, die sozial-karitativen Leistungen des Christentums noch zu überbieten, indem er ein umfassendes staatliches Wohlfahrtsprogramm anordnete.

Er hatte offenbar erkannt, dass ein einziger Satz aus der Apostelgeschichte des Lukas das Christentum im Römischen Reich seit Jahrhunderten konkurrenzlos attraktiv gemacht hatte:

Es war auch keiner unter ihnen, der einen Mangel hatte ... und man gab einem Jeden, was er nötig hatte. (Apostelgeschichte 4,34-35)

Die ersten christlichen Gemeinden gingen davon aus, dass Jesus nach seiner Auferstehung sehr bald wiederkommen würde. Dann wollten sie für ihn bereit sein. Keiner unter ihnen sollte bis dahin unter die Räder kommen, keiner sollte unter Hunger oder Durst leiden müssen. Fremden bot man Unterkunft an, und im schlimmsten Fall bestattete man kostenlos deren Verstorbene. Arme bekamen ausreichende Kleidung, Gefangene wurden besucht und Kranke wurden gepflegt, so wie Jesus es von seinen Jüngern erwartet hatte (Matthäus 25,31ff).

Um das alles zu finanzieren, verkauften viele Christen ihren Grundbesitz und stellten den Erlös der Gemeinde für karitative Zwecke zur Verfügung. Diesen Besitz würden sie ja nicht mehr benötigen, wenn der Herr bald käme. Ihr künftiger Reichtum war ihre Gemeinschaft, deren Ressourcen für alle reichen sollte.

Außenstehende verspotteten sie, weil sie sich bei ihrer Sorge für die Bedürftigen oft von Schmarotzern und Betrügern übers Ohr hauen ließen. Aber sie blieben vertrauensvoll dabei, dass die umfassende gegenseitige Fürsorge der Weg sei, den Jesus ihnen gewiesen hatte.

Heute leben wir in unseren Gemeinden ohne diese Naherwartung der frühen Christenheit. Wir investieren viel in Versicherungen und Rentensysteme und legen Geld auf die Hohe Kante. Das ist gut so, denn wir müssen für unser späteres Leben und für unsere Nachkommen sorgen. Aber dennoch hallt etwas von dem heilsam nach, was die frühen christlichen Gemeinden so ungeheuer attraktiv gemacht hatte, dass ein römischer Kaiser mit ihnen in Konkurrenz trat: Mit dem dafür nötigen Gottvertrauen für andere mitdenken und mitsorgen. Dieses umfassende soziale Engagement war das Erfolgskonzept des Christentums in den ersten Jahrhunderten und ebnete damals den Weg für eine weltweite und sehr nachhaltige Mission. Und heute kann es wieder ein gangbarer Weg in einer Pandemie sein.

Pfarrerin Veronika Bohnet, Waiblingen