Sonntagsgedanken zum 24. November 2019

Zu spät - Oder nicht?

Pfarrerin Antje Fetzer

Der Predigttext des morgigen Sonntags behandelt eine Parabel aus Matthäus 25: Zehn junge Frauen sind als Brautjungfern zu einer Hochzeit eingeladen. Das bedeutete für sie: Heiratsmarkt! Sehen und vor allem gesehen werden. Ihre offizielle Aufgabe ist es, den Bräutigam mit dem Licht ihrer Fackeln in den Saal zu geleiten. Aufregend ist das! Man kann sich das Kichern und Flattern lebhaft vorstellen. Doch der Herr lässt auf sich warten. Die jungen Frauen in ihren Festtagskleidern werden ungeduldig. So bequem sind die eleganten Schuhe nicht. Und irgendwann werden sie müde, setzen sich, legen sich, schlafen ein.

Da wird der Bräutigam plötzlich doch angekündigt. Hektisch springen die zehn auf, streichen die zerknitterten Kleider glatt, greifen ihre Fackeln, zünden sie an. Und jetzt kommt’s: Nur fünf von ihnen haben genug Öl dabei, sie auch zum Leuchten zu bringen. Wie dumm von den anderen fünf! Da sind sie mit einer einzigen Aufgabe betraut, und die vermasseln sie. Natürlich hoffen sie auf den Beistand der Klugen. Doch diese zeigen ihnen die kalte Schulter. „Geht selbst einkaufen!“, bekommen sie zu hören. Hektisch rennen sie los. Der Bräutigam aber ist schneller und zieht mit den klugen fünf allein in den Festsaal ein. Pech gehabt!

Wir kennen das. Es gibt ein „Zu spät!“. Irgendwann wartet die Freundin abends nicht mehr geduldig mit dem Abendessen, sondern hat die Klamotten vor die Tür gestellt. Irgendwann will der Bekannte, dem ich so oft ein Treffen ausgeschlagen habe, nichts mehr von mir wissen. Eines Tages sind meine alten Eltern einfach nicht mehr da. Die härteste aller Grenzen, das haben viele von uns schmerzlich erfahren, ist der Tod. In diesen Tagen gehen wir an die Gräber. Wir entzünden Kerzen für die Menschen, die wir verloren haben. Wir denken voller Liebe an sie. Und manchmal denken wir auch gar nichts. Zu weh tut, was uns fehlt.

Nein, das „Zu spät!“ muss uns niemand erklären. In unseren Gedanken und Träumen geht es uns nach, hält uns wach: „Was wäre, wenn …?“ „Ach, hätte ich doch …!“ Warum verstärkt Jesus mit seiner Geschichte diese Erfahrung noch? Ist er nicht der Tröster? Die Parabel zeigt uns in einem drastischen Bild die Konsequenz unserer Lebensentscheidungen – seien sie nun bewusst oder auch nur nachlässig zustande gekommen. Jesus redet aber nicht besserwisserisch oder gar strafend mit uns, sondern zu einem guten Zeitpunkt: Heute. Jetzt. Bevor es zu spät ist.

Wir haben die Chance, ab heute rechtzeitig zum Abendessen zu kommen. Unserem Bekannten einmal „ja“ zu sagen. Uns mit den alten Eltern zu versöhnen. Heute, jetzt, hier.

Und wenn ich den Zeitpunkt endgültig verpasst habe? Am meisten schmerzen die endgültigen Abschiede, die keine Versöhnung mehr zulassen, keinen anderen Ausgang, noch nicht einmal das Abschiednehmen selbst. Ich bin gewiss: Für sie ist die Parabel von den Jungfrauen nicht erzählt. Für sie gilt die Vergebung, die sich niemand von uns selbst zusprechen kann. Wenn ich einem geliebten Menschen beschämt und krank vor Trauer hinterherschaue, kommt Gott auf mich zu, hält meine Geschichte mit aus, nimmt sie ernst, beschwichtigt nicht. Und hilft mir doch neu ins Leben. Nichts ist zu spät.

Pfarrerin Antje Fetzer, Michaelskirche Waiblingen