Sonntagsgedanken zum 26. Juli 2020

Reden ist Silber, Zuhören ist Gold

„Mach doch mal deine Ohren auf“! Viele haben in ihrer Kindheit solch eine Aufforderung gehört. Dabei geht das ja eigentlich gar nicht, denn unsere Ohren sind – im Gegensatz zu den Augen – immer offen. Wir hören also permanent. Und doch zeigt die Erfahrung: Wer hört, hört noch lange nicht zu.

Der berühmte Abenteurer und Entdecker, geniale Forscher und Weltbürger Alexander von Humboldt (1769-1859) gilt als einer der letzten Universalgelehrten. Aber je älter er wurde, desto mehr redete er. Wenn er in Gesellschaft kam, begann er Monologe zu halten, die kaum jemand unterbrechen konnte. Er konnte reden, aber kaum noch zuhören. Und auch wir kennen heute Menschen, die viel reden, aber wenig zuhören.

In der Seelsorge der Kirche spielt das Zuhören eine wichtige Rolle. Nur wenn mir jemand wirklich zuhört, kann ich mich mit meinen Sorgen und Problemen diesem anvertrauen. Im ehrlichen Zuhören steckt zugleich eine große Wertschätzung: „Du bist als Mensch so wertvoll, dein Leben ist trotz allen Scheiterns und aller Brüche so kostbar, dass ich dir zuhöre.“

Letztlich wird es ohne das Zuhören keine wirklich tiefen menschlichen Beziehungen geben. Auch unsere Demokratie kann ohne das Zuhören nicht funktionieren. Wer zuhört, der ist offen für Neues, auch für „neue“ Menschen mit zunächst fremden Ansichten. In Zeiten von Fake News und dem Nichtwahrhabenwollen von Fakten ist das Zuhören allerdings gefährdet.

Wenn sich unser Zuhören auf Gott richtet, dann kann es geschehen, dass sich ein neuer Horizont öffnet. Weil sie zuhörte, wurde eine Frau namens Lydia die erste Christin auf europäischem Boden (Apostelgeschichte 16, 14). Aus dem Zuhören erwuchs Vertrauen zu Jesus Christus, der trotz Schuld, Schicksal und Vergänglichkeit neues Leben schenkt (Johannes 3, 16). 


Pfarrer Markus Kettling, Evangelische Kirchengemeinde Berglen