Sonntagsgedanken zum 28. Juni 2020

Versöhnung erfahren

Es ist Gottes großes Erbarmen, das durch das Gleichnis vom verlorenen und wiedergefundenen Sohn hallt, und es ist dieses Erbarmen, das Rembrandt in seinem Gemälde „Die Heimkehr des verlorenen Sohnes“ ins Bild gebracht hat. Es ist das Bild eines der größten Malers und zugleich ein so echtes wie tiefes Glaubensbild, Evangelium für die Augen.

Rembrandt war dem Tode nahe, als er dieses Bild schuf als die Summe seines Lebens. Dem Erblinden nahe, ergreift ihn ein tiefes neuartiges Sehen. Ein inneres geheimnisvolles Licht erstrahlt ihm von durchdringender Schönheit. Rembrandt lernte dieses innere Licht, das aus seinem Bild vom Vater her aufstrahlt, erst nach großem Leid kennen.

Er war einst ein stolzer junger Mann, von seinem Genie überzeugt, begierig nach Geld und Luxus und er war sehr erfolgreich. Doch dann kommt Schlag auf Schlag.  Er verliert seine Frau. Er verliert seine Kinder, eins nach dem anderen. Schulden kommen dazu, dann unglückliche Beziehungen, bis er schließlich zahlungsunfähig dem Ende nahe ist.

An diesem Grenzpunkt seines Lebens überkommt ihn ein unerwarteter tiefer Friede. Jetzt werden seine Bilder innerlich und warm. Im jüngeren Sohn stellt Rembrandt sich selber dar: ein zerlumptes Untergewand, ein abgemagerter, ausgemergelter Körper, die Sandalen sind abgetragen und nutzlos. Doch nun findet er heim in das grenzenlose Erbarmen. 

Rembrandts Gemälde ist ein Bild äußerster Stille: wie der Vater die Hände auflegt auf seinem heimfindenden Sohn – dieser war tot und ist nun lebendig – wie er die Hände auflegt auf den Sohn – dies ist ein immerwährender Segen, und wie der Sohn an der Brust des Vaters ruht – das ist ein ewiger Frieden, die Summe der Zeit, die Art, wie Gott mit uns umgeht.

Die eigentliche Mitte dieses Bildes sind die Hände des Vaters. Auf sie ist alles Licht gebündelt. Auf sie sind die Augen der Umstehenden gerichtet. Hier ist das Erbarmen. Wenn man das Bild immer tiefer betrachtet, dann sieht man zwei verschiedene Hände: da ist eine Vater- und eine Mutterhand. Aus beiden kommt Vergebung, Versöhnung und Heil.

Die Bewegung vom Vater zum Sohn vergeht niemals, sondern währt ewiglich. Was hier dargestellt ist, ist die göttliche Liebe, das göttliche Erbarmen und darin die Macht, Tod in Leben zu verwandeln. Die Frage ist nicht, wie kann ich Gott finden, sondern wie kann ich mich von Gott finden lassen, um seine versöhnende Liebe annehmen zu können.

Pfarrer Dr. Dieter Koch, Evangelische Kirchengemeinde Korb