Sonntagsgedanken zum 29. September 2019

Notfallseelsorge

Mein Notfallhandy klingelt: Adrenalin schießt durch meinen Körper. In der letzten halben oder ganzen Stunde ist einem Menschen im Rems-Murr-Kreis etwas ganz Schlimmes zugestoßen. Für die Angehörigen wird ihre Welt zusammenbrechen. Die Rettungsleitstelle fordert mich als Notfallseelsorgerin mit diesem Anruf zur Unterstützung an. Auch mein Alltag wird schlagartig unterbrochen, egal, ob bei Tag oder Nacht, egal, was ich gerade gemacht habe, es wird unwichtig, es bleibt liegen.

Am Einsatzort treffe ich auf meine Kollegin / meinen Kollegen vom Notfallnachsorgedienst (NND) des Roten Kreuzes und meist auf jemanden von der Polizei und / oder den Notarzt.

Nachdem Polizei und Notarzt ihre Aufgaben beendet haben, z.B. Überbringen der Todesnachricht, und zum nächsten Einsatz müssen, bleiben wir von der Notfallseelsorge (NFS) und vom Notfallnachsorgedienst (NND) mit den Angehörigen zurück. Was wir mitbringen und anbieten können ist ZEIT, ist Zuhören, Schweigen, mit Aushalten, was kaum auszuhalten ist. Wir achten in den ersten Stunden nach der Katastrophe auf Leib und Seele der von Not und Leid Betroffenen. Unsere Aufgabe besteht sozusagen darin, „ Erstversorger für die Seele“ zu sein, sowie der Notarzt Erstversorger für den Körper ist. Wir können dies, was passiert ist, nicht ändern, wir sind da, halten mit aus, unterstützen, warten bis weitere Unterstützung von Familie, Freunden oder Nachbarn kommt. Und dann ist unsere Aufgabe als Notfallseelsorger beendet.

Die Notfallseelsorge, damals nach dem großen Zugunglück in Eschede 1998 ins Leben gerufen, feiert hier im Rems-Murr-Kreis an diesem Sonntag ihr 20jähriges Bestehen.

Man könnte meinen, die Notfallseelsorge ist ein Kind unserer Zeit. Aber eigentlich findet sie sich auch schon in der Bibel, wenn auch nicht so organisiert. Im Alten Testament lese ich vom Propheten Elia, dass er einer großen seelischen Herausforderung und körperlichen Verfolgung entkommen ist, psychisch sozusagen am Abgrund steht. Da schickt ihm Gott einen „Notfallseelsorger“ in Form eines Engels, einen Boten, der in seiner Nähe bleibt, darauf achtet, dass er sich nichts antut, dass er zu essen und zu trinken hat, dass er zur Ruhe kommen darf, die Katastrophe verarbeiten kann.

Er ist einfach achtsam da bis der am Boden Liegende wieder zum nächsten Schritt fähig ist (nachzulesen im 1. Könige 19, 4-8).

Menschen, die in der Notfallseelsorge mitarbeiten, werden heute dafür extra ausgebildet und das ist auch gut so!  Dennoch denke ich, dass es auch eine Form von niederschwelliger Notfallseelsorge gibt, die uns alle angeht, weil Not auch jeden von uns betreffen kann, und die jeder und jede von uns leisten kann.

In der Nachbarschaft, im Bekannten- und Freundeskreis, in der Hausgemeinschaft.

Was man dafür braucht? Man braucht den Mut, sich im Alltag unterbrechen zu lassen, genauer hinzusehen, den Mut, Anteil zu nehmen, zuzuhören, reden zu lassen, Schweigen auszuhalten, einfach nur mal einen Kaffee miteinander trinken oder in schwierigen Zeiten ein Essen vor die Tür stellen.

Dem anderen zu signalisieren „Ich bin da!“. Mehr, aber auch nicht weniger, ist Notfallseelsorge: Da ist jemand verlässlich da!

Dieses Angebot, wer immer es macht, ist ein Grund zu großer Dankbarkeit

Einen gesegneten Sonntag Ihnen allen!

 

Pfarrerin Cornelia Pfefferle, Evangelische Kirchengemeinde Schwaikheim