Sonntagsgedanken zum 30. Juni 2019

Reife-Zeugnis

Am Montag beginnen an den allgemein bildenden Gymnasien in unserem Land die mündlichen Abiturprüfungen: der letzte Schritt hin zum Abitur. Und dann? Was kommt dann?

Als einst das G8-Modell eingeführt wurde, geschah dies u.a. mit dem Ziel, dass die Jugendlichen schneller dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen … Die Jahre, die die jungen Menschen früher entweder in Schule (G9) und / oder bei Bund bzw. Zivildienst verbracht haben (und dort Zeit zum Reifen hatten), die werden heute … wie verbracht? Chillen? Work and travel? Findungsphase?

Früher galt das Abitur auch als Reife-Zeugnis, weil die Leute als reif genug für das Leben erachtet wurden? Und heute? Wie reif kann man mit 18 sein?

Als ich einst nach Gymnasium und Zivildienst mit dem Studium begann, war ich 21 Jahre alt … Heute sind manche Menschen, wenn sie (mit dem Bachelor) das Studium beenden, 21 Jahre alt … Ist das besser? Ist höher, schneller, weiter wirklich das Ziel? Wo bleibt Zeit zum Wachsen? Wo bleibt Zeit zum Reifen? Warum nicht ein (soziales, ökologisches etc.) Pflichtjahr für alle? 

„Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann - fragt, was ihr für euer Land tun könnt.“ – so forderte der amerikanische Präsident John F. Kennedy einst am 20.Januar 1961 bei seiner Antrittsrede seine Landsleute zum Nachdenken auf. Eine Aufforderung, die in meinen Augen auch nach fast 60 Jahren so aktuell ist wie eh und je. Jesus drückt es in der Bibel, Matthäus 25, ähnlich aus: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan (Matthäus 25,40) bzw. „Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.“ (Matthäus 25,45).

An der Nächstenliebe zeigt sich der Zustand der Gesellschaft. Eine solidarische Gesellschaft ist eine reife Gesellschaft. Und so wünsche ich allen Menschen, jungen und alten, vor allem eines: Zeit zum Reifen...


Pfarrer Hartmut Greb, Evangelische Kirchengemeinde Birkmannsweiler-Höfen-Baach