Sonntagsgedanken zum 30. Mai 2019

Darf ich Sie kurz unterbrechen? …? Nicht beim Lesen, bitte lesen Sie weiter. Aber in Ihrem gewohnten Gang, in Ihrem gewohnten Gedankengang, der immer mitläuft, bei allem, was wir wahrnehmen und bestimmt, wie wir die Dinge wahrnehmen.

Sie gehören als Zeitungsleser und –leserin nicht zu den Menschen, die schon ganz in einer Facebook-Blase gefangen sind, wo ihr Gedankengang und ihr Wahrnehmungsfilter ständig bestärkt und so immer weiter eingeengt wird: Ja, so ist es. Ja die Dinge sind so, wie ich sie sehe.

Und trotzdem: Lassen Sie sich bitte mal kurz unterbrechen. Denn auch Sie und ich nehmen Dinge durch einen Filter wahr. Das geht soweit, dass wir manchmal Dinge, die vor unseren Augen sind, nicht sehen, weil unser Filter sie ausblendet. Und das Wesentliche gerät leicht aus dem Blick. Deshalb ist es gut, wenn wir uns gelegentlich unterbrechen lassen, den Filter auszuschalten und die Welt neu wahrzunehmen, den Blick erheben, den Horizont weiten.

Nach der Himmelfahrt Jesu standen die Jünger da und schauten dem entrückten Jesus nach, so erzählt es die Apostelgeschichte. Zwei Männer in weißen Gewändern sagen zu Ihnen: „Was steht ihr da und seht gen Himmel?“ Die Jünger hatten heftige Unterbrechungen hinter sich, erst die Hinrichtung Jesu, dann das leere Grab und die Begegnungen mit dem Auferstandenen. Jedes Mal veränderte sich alles für sie, auch ihre Wahrnehmung. Die Himmelfahrt nun änderte wieder alles: Der Auferstandene ist von jetzt an nicht mehr bei ihnen, würde ihnen nicht mehr unmittelbar begegnen. Aber er hatte ihnen seine Nähe und Gottes Beistand zugesagt. Deshalb gilt es jetzt, den Blick nicht mehr gen Himmel, sondern auf die Welt zu richten.

Wenn wir an Gott denken, denken viele von uns an Himmel und blicken vielleicht nach oben. Das ist nicht falsch, aber doch nur die halbe Wahrheit, denn Gott ist nicht nur oben, nicht nur im Himmel. Gott ist auch auf der Erde, Gott ist auch bei uns, Gott ist mitten im Alltag. Gerade die Himmelfahrt Jesu macht das deutlich: Er ist nicht mehr hier, das heißt aber auch nicht mehr nur an einem Ort.

Um das wieder wahrzunehmen, ist es wichtig, dass wir uns gelegentlich unterbrechen lassen, um die Welt mit Gott wieder neu wahrzunehmen und unseren Horizont zu weiten. Himmelfahrt ist eine gute Gelegenheit dazu.

Pfarrer Andreas Maurer, Paulinenpflege Winnenden