Sonntagsgedanken zum 4. August 2019

Die Entdeckung der Langsamkeit

"Die Entdeckung der Langsamkeit" - so lautet ein Buchtitel. Ich bin insofern langsam, als ich es nach Jahren immer noch nicht geschafft habe, das Buch „Die Entdeckung der Langsamkeit“ zu lesen. Ansonsten habe ich die Langsamkeit noch nicht entdeckt. Ich habe eher das Gefühl, das Tempo zieht immer mehr an. So viel muss in einen Tag hineingepackt werden! Eine Mail muss gleich beantwortet werden. Ein Beitrag in den sozialen Medien muss zeitbezogen, möglichst zeitgleich eingetragen werden. Was später kommt, ist veraltet. Was heute drin ist, ist morgen raus. Jugendliche bekommen die Krise, wenn sie kein WLAN haben. Bei den Whatsapp-Nachrichten könnten sie etwas verpassen. Wenn sie der Gruppe nicht antworten, rumort es in der Gruppe. Daher gilt das Motto: Immer dranbleiben. Notfalls nachts noch. „Atemlos durch die Nacht …“ 

Mit dem Tempo mithalten zu müssen, bekommt mir nicht. Mein Magen rebelliert. Mein Kopf rebelliert. Aber es kommt ja bald der Urlaub. Entdecke ich im Urlaub die Langsamkeit? Immerhin fliege ich nicht und muss mir auch nicht eine Sehenswürdigkeit nach der anderen ansehen. Ich werde viel zu Fuß unterwegs sein. Dabei erhole ich mich. Aber zum Bücherlesen komme ich wenig. Ich sollte mal endlich „Die Entdeckung der Langsamkeit“ lesen.

Der Titelheld „John Franklin“ ist in allem auffällig langsam. Er geht den Dingen auf den Grund. Es dauert, aber wenn er eine Entscheidung trifft, dann hat die Entscheidung Hand und Fuß. Die Entschleunigung hat bei ihm ein gutes Ziel. Mehrmals rettet er Menschenleben durch seine Ruhe. Soweit habe ich mich schon mal informiert.

Dazu kommt mir auch eine biblische Geschichte in den Sinn. Jesus muss Stellung beziehen in einem sehr kritischen Moment. Eine Frau wurde beim Ehebruch ertappt und soll zur Rechenschaft gezogen werden. Ich frage mich ja bei der Geschichte immer, warum nur die Frau an den Pranger gestellt wird. Zum Ehebruch gehören zwei. Männer tauchen aber nur als Richter auf, als gefährliche Richter. Sie haben die Frau umringt. Die Stimmung ist aufgeheizt. Eine verhängnisvolle Dynamik entwickelt sich unter den Männern. Die Steine sind schon in der Hand. Ungeduldig warten sie auf die Antwort Jesu.

Ich stelle mir vor, wie ich anstelle Jesu unter Druck gesetzt werde. Die Augen, die auf mich gerichtet sind, sprechen: „Na los, sag schon, dass wir die Steine nehmen und werfen sollen. Du kannst ja gar nicht anders. Laut unserem Gesetz sind solche Frauen zu steinigen. Also: Mach! Mach!“ Ich schnappe bei dem Gedanken nach Luft – so gehetzt fühle ich mich. Ganz anders Jesus. Was macht er? Er gibt erst mal keine Antwort. Er schreibt in den Sand – ganz gemütlich. Man kann viel darüber nachdenken, was er in den Sand geschrieben oder gezeichnet hat. Auf jeden Fall hat er Dynamik aus dem Geschehen genommen. Die hektischen Richter um die Frau herum stehen irritiert da. Sie sind ausgebremst. Nicht das Unheil nimmt seinen Lauf. Gnade gewinnt Raum. Und ein Wort – geredet zur rechten Zeit (wie es in dem Buch der „Sprüche“ so schön heißt) – greift Raum: „Wer unter euch ohne Sünde ist, nehme den ersten Stein.“

Erst mal nachdenken. Erst mal zur Ruhe kommen. In der Schule, wo ich unterrichte, habe ich von einer Kollegin in deren Klassenzimmer ein Schild gesehen: „Wenn du dich aufregst: Atme ruhig ein und aus! Zähle bis 10!“ Jesus hat es sich sogar geleistet, sich nochmals zu bücken und auf die Erde zu schreiben. Damit hatten die Männer genug Zeit, in sich zu gehen und nachzudenken. Dann ließen sie die Steine fallen und gingen weg – einer nach dem anderen.
Langsamkeit kann Leben retten.

Pfarrer Michael Oswald, Martin-Luther-Kirche Waiblingen