Sonntagsgedanken zum 23. September 2018

100 Jahre Mandela
In den Pfingstferien habe ich die Autobiografie von Nelson Mandela mit dem Titel „Der lange Weg zur Freiheit“ gelesen. 100 Jahre alt wäre er in diesem Jahr geworden.

An vielen Stellen ist davon zu hören und zu lesen. Seine Lebensgeschichte geht unter die Haut. 27 Jahre verbrachte er in Haft. Danach verhandelte er mit Regierungsvertretern und wurde schließlich der erste schwarze Präsident Südafrikas.

Der Freiheitskämpfer und Friedensnobelpreisträger hat sein Land geprägt wie kaum ein anderer. Was ihn auszeichnete war sein übermenschlicher Wille zur Versöhnung. Ein Beispiel berichtet Harry Wigget, der 1982 als Gefängnispfarrer für die politisch Gefangenen zuständig war. Mandela gehörte zu ihnen. Der erste von Wigget geleitete Abendmahlsgottesdienst hinterließ nachdrückliche Spuren. Die Gefangenen standen um den Abendmahlstisch, während sie von einem Gefängnisaufseher kritisch überwacht wurden. Mandela unterbrach den Pfarrer während der Liturgie und ging auf den Aufseher zu. Er fragte ihn, ob er Christ sei. Nachdem dieser bejahte forderte Mandela ihn auf, zu ihnen an den Tisch zu kommen. „Sie können nicht abseits sitzen bleiben. Das ist das heilige Abendmahl, wir müssen es teilen und gemeinsam empfangen.“

Als Mandela 1994 zum Präsidenten wurde, arbeitete er eng mit Kirchenführern zusammen, um die Neugestaltung der Nation unter den Zeichen wirksamer Versöhnung und Vergebung auf den Weg zu bringen. Dazu diente auch die Wahrheits- und Versöhnungskommission, die 1995 gegründet wurde und bis 1998 arbeitete. Den Vorsitz hatte Erzbischof und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu. Die Kommission untersuchte politisch motivierte Verbrechen während der Zeit der Apartheid. Dahinter stand der Gedanke: Ohne Wahrheit keine Heilung. Ohne Vergebung keine Zukunft.

Nein, es ist Nelson Mandela nicht alles gelungen und manches kann man auch kritisch hinterfragen. Aber was er bewirkt hat und wie versöhnlich er gelebt hat, hat Vorbildcharakter. Heute kann man den Eindruck gewinnen, dass viele Nationen vor allem nach sich selber schauen und das Gemeinsame vernachlässigen. Da können wir wohl alle etwas von Mandela lernen.


Thomas Reich, Pastor der Evangelisch-methodistischen Kirchengemeinde Waiblingen