Sonntagsgedanken zum 17. Juni 2018

Gastfreundschaft

Kennen Sie die Geschichte von Philemon und Baucis, die Ovid in seinem Metamorphosen erzählt?
Philemon und Baucis lebten der Sage nach in Phrygien (heute Türkei). Sie waren ein alt gewordenes Ehepaar, die in sehr ärmlichen Verhältnissen lebten. Eines Abends klopften zwei müde Wanderer an ihr armseliges Häuschen und baten um Unterkunft und etwas zu Essen. In der ganzen Stadt hatten sie niemanden gefunden, der sie aufgenommen hatte. Für Philemon und Baucis war das Gastrecht heilig, und sie nahmen die beiden auf und teilten mit ihnen das, was sie hatten und entschuldigten sich dafür, dass es so wenig war.
Am nächsten Morgen, als die beiden Fremden sich verabschiedeten, stellte sich heraus, dass es der Göttervater Zeus und sein Sohn waren, die sie beherbergt hatten, und die sie nun beim Abschied reicht beschenkten. Soweit die Sage.

Wenn das die anderen in der Stadt vorher gewusst hätten, wer die beiden waren, ob das Ihr Verhalten gastfreundlicher gemacht hätte? Gastfreundschaft und Gastrecht spielen bei uns im Alltag heute keine so große Rolle mehr wie noch heute im Orient oder früher auch bei uns. Wir sind Dank des Fortschritts nicht mehr so auf einander angewiesen, dass wir das Gastrecht zum Überleben brauchen.

„Gastfreundschaft“ das kennen wir aus dem Urlaub. Dort genießen wir sie und freuen uns darüber ohne Notlage. Gastrecht und Gastfreundschaft sind aber auch Begriffe, die in den letzten Jahren im Rahmen der vielen Flüchtlinge in unserem Alltag auftauchen. Gastrecht und Gastfreundschaft, offene Türen, miteinander teilen, was wir haben, sich unterbrechen lassen und Zeit zur Verfügung stellen, sich Einlassen auf Unbekanntes, das macht oft Angst, das kommt ungelegen und stört. Warum sollten wir das tun?

Philemon und Baucis, so die Sage, ließen sich anrühren von den in Not geratenen Wanderern. Vielleicht haben sie sich auch vorgestellt, was sie sich wünschen würden, wie man mit ihnen umgeht, wenn sie an der Stelle der nächtlichen Bittsteller wären. Sie haben sich eine Nacht lang eingelassen auf das Leben dieser in Not Geratenen.

Es muss nicht der Flüchtling sein, es kann unser Nachbar oder eine Zufallsbegegnung auf der Straße sein, die auf unsere „Gastfreundschaft“ vertraut. Es kann z. B die verzweifelte junge Mutter aus dem Wohnhaus sein, die jemand braucht, bei dem sie ihr Kind schnell für eine Stunde lassen kann. Könnte ich mich da spontan darauf einlassen, mich in meinem Tun unterbrechen lassen?

Warum sollte ich das tun? Gastfreundschaft kann nicht mit einer Gegenleistung rechnen! Aber - so eine uralte Erfahrung – keine echte Begegnung lässt mich unverändert, unbeschenkt zurück. Im Monatsspruch für den Monat Juni heißt es „Vergesst die Gastfreundschaft nicht, denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.“ Hebräer 13, 2

Gastfreundschaft ist ein Geben und Nehmen! Und der Monatsspruch lädt uns ein ohne Druck, es einfach auszuprobieren, wie es ist, sich unterbrechen zu lassen, offene Ohren, Herzen, Türen zu haben und uns davon überraschen zu lassen, wer wem zum Engel wird! Überraschen zu lassen, welchen Segen Gott in offenen, gastfreundschaftliche Begegnungen legt.

Ich wünsche Ihnen Mut und Neugier und viele gute Erfahrungen.

Pfarrerin Cornelia Pfefferle, Evangelische Kirchengemeinde Schwaikheim


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Fußball-Götter?

Wenn nun wieder die Fußball-WM startet, fragt sich mancher, ob es zwischen Himmel und Erde noch Anderes gibt als die Frage, wer Weltmeister wird. Als ob Fußball so etwas wie eine Religion wäre.

Nun kann man zumindest für die Zuschauer Züge eines Kultes im Fußball entdecken. Geht es doch im höchsten Maße um Emotionen. Da werden Helden in den Himmel gehoben und andere als Versager verdammt. Rituale und Symbole werden gepflegt, vom Absingen der Nationalhymne bis hin zur Kleidung der Fans. Es wird viel über Gerechtigkeit und Glück diskutiert, Tränen der Freude oder der bitteren Enttäuschung fließen. Selbst vom „Fußballgott“ ist manchmal die Rede.

Sind Fußballer unsere wahren Götter? Wer hinter die Kulissen des Spitzensports blickt, entdeckt Menschen „wie du und ich“: mit Stärken und Schwächen, Hoffnungen und Befürchtungen, Erfolgen und Niederlagen, kleinen Eitelkeiten und großen Sehnsüchten und Träumen. Zu Idolen - das griechische Wort Idol bedeutet „Götterbild“ - werden sie durch ihre Leistungen; für manche auch durch die Millionensummen, die sie „verdienen“.

Was ich faszinierender finde als den ganzen Zirkus ums Geld ist die andere Seite, wo es nicht nur um Leistung und Können geht. Denn da ist das Spiel Abbild des wirklichen Lebens: Viele Menschen haben Kraft und Können, Verstand und Einsatzbereitschaft, aber dazu muss noch jenes Quäntchen Glück kommen, das wir nicht in der Hand haben. Manche Fußballer, die sich nach einem gelungenen Torschuss bekreuzigen, erinnern uns daran, dass sie diesen Erfolg nicht nur sich selber zuschreiben.

Und noch etwas: Fußball übt ein in das Leiden und Mitleiden, in die Solidarität mit dem Scheitern: Fremde fallen sich in die Arme und trösten sich, tapfer werden anfeuernde Siegesgesänge zelebriert, obwohl der Rückstand beträchtlich ist. Wo die Emotionen nicht in Gewalttätigkeiten ausarten, sondern Niederlagen solidarisch bewältigt werden, da könnten wir als Kirche doch fast noch etwas lernen von der „Fußballgemeinde“.

Fußballer müssen nach bitteren Niederlagen die Kraft zum Weitermachen finden, Sieg und Niederlage liegen oft dicht beieinander. Als „Götter“ sind sie allemal überfordert.

Oliver Kahn, der Kommentator und frühere Torhüter mit dem grimmigen Gesicht, antwortete auf die Frage nach dem „Fußball-Gott“ einmal: „Es gibt nur einen Gott“ - und er wies himmelwärts. Dem möchte ich nur hinzufügen, was auch Fußballern in der Kirche zugesagt wird: Christus spricht: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“.

Pfarrer Karl Frank, Evangelische Kirchengemeinde Hohenacker