Sonntagsgedanken

Jeder Mensch ist wertvoll

Liebe Leserinnen und Leser,
„vergiss es nie, dass du lebst, war keine eigene Idee, und dass du atmest, sein Geschenk an dich. Du bist gewollt, kein Kind des Zufalls ...“
Dieses bekannte kirchliche Lied spricht vielen Menschen aus dem Herzen. Denn es geht um die Liebe Gottes, aber auch um unser Menschsein, unsere Menschenwürde. Jede menschliche Seele ist wertvoll und kostbar.

Eigentlich ist diese Überzeugung der Kern des Glaubens: ‚Gott liebt mich, so wie ich bin. Und meinen Nächsten auch.‘ Ich bin geliebt und wertvoll – das wird in der Bibel auf vielfältige Weise ausgedrückt (im Psalm 23, im Vaterunser, im Leiden Jesu für die Menschen). Manche Botschaften treffen auf eine innere Gewissheit der Seele, die uns sagt: „Das stimmt.“ In uns haben wir eine innere Stimme, die uns Orientierung gibt. Und wo ich mit dieser Stimme „stimmig“ werde, beginne ich zu spüren, wie unendlich kostbar ich bin, aber auch die Lebewesen um mich herum.

Diese Haltung zum Leben verändert uns: Wir gehen respektvoll mit anderen um. Wir achten ihre Überzeugungen. Wir sind dankbar für das, was das Leben gibt. Wir unterscheiden bei unserem Respekt für andere Menschen nicht nach Nationalität, Religion, Ansehen, Alter, Geschlecht oder ‚Normalität‘. Wir achten Tiere als Mitgeschöpfe. Wir wehren uns, wenn es strukturelles Unrecht gibt und die Würde der Schwachen nicht geachtet wird.

Jeder Mensch hat das Bedürfnis, gesehen und geachtet zu werden. Sehr viel Leid entsteht dadurch, wenn dies in unseren Beziehungen nicht geschieht. Ich meine, das Leiden daran ist das stärkste Argument dafür, dass es diese tiefe innere Überzeugung in jedem Menschen tatsächlich gibt; sie ist keine Konstruktion irgendeiner Gesellschaft.

Diese innere Gewissheit, dass jede Seele kostbar ist, ist allgemeine Grundlage für Recht und Ethik. Diese Gewissheit ist interreligiös. Von diesem Standpunkt aus können wir vieles beurteilen, was gesagt oder getan wird: die kirchliche Lehre (die manchmal nicht vom Menschen her denkt) oder Strömungen in der Gesellschaft. Oder diese Überzeugung hilft uns bei wichtigen Entscheidungen, vor denen wir stehen.

Im positiven Sinn sind Kirchengemeinden und diakonische Einrichtungen eigentlich Würdekompass-Gruppen (G. Hüther). „Vergiss es nie, dass du lebst, war keine eigene Idee ...“ Jede menschliche Seele ist wertvoll - das ist unser Kompass!

Respektvoll grüßt Sie Ihr Pfr. Dr. Sönke Finnern


Pfarrer Dr. Sönke Finnern, Evangelische Kirchengemeinde Bittenfeld