Elsbeth-und-Hermann-Zeller-Platz

Ort der Begegnung und Erinnerung

In Erinnerung an das mutige Dekans-Ehepaar wurde der Karolinger-Schulhof in Zeller-Platz umbenannt

Artikel der Waiblinger Kreiszeitung vom 10. November 2008

 

Der Karolinger-Schulhof ist seit jeher ein Ort, an dem sich Menschen begegnen und Kinder spielen und kicken dürfen. Seit gestern ist er auch ein Ort der Erinnerung. In einer Feierstunde wurde er in Erinnerung an das Waiblinger Dekansehepaar, das die Juden Max und Ines Krakauer vor den Nazis rettete, in Elsbeth-und-Hermann-Zeller-Platz umbenannt.

 

"Menschen brauchen zum Erinnern Symbole, Rituale und vor allem Orte", sagte Oberbürgermeister Andreas Hesky gestern bei der Feierstunde. Der Karolinger-Schulhof sei ein solcher Ort, der durch seine Nähe zur Michaelskirche, zum Nonnenkirchle und zur Nikolauskirche, die auf dem Weg zum Alten Dekanat liegt, prädestiniert, zu einem Ort der Erinnerung und des Gedenkens zu werden.

 

Mit dem neuen Namen solle daran erinnert werden, dass auch im Dritten Reich möglich war, sich der Verblendung zu entziehen und inneren und äußeren Widerstand zu leisten. Dekan Zeller und seine Frau Elsbeth hätten Max und Ines Krakauer unter Einsatz des eigenen Lebens geholfen. Die posthume Auszeichnung "Gerechte unter den Völkern", mit denen Israel das Ehepaar im Februar ehrte, sein ein großartiges Zeichen der Versöhnung des Staates Israel mit den früheren Feinden. "Die Auszeichnung einzelner Personen zeigt, dass es keine kollektive Schuld und keine kollektive Verurteilung durch die vom Holocaust überlebenden Menschen und ihre Nachfahren gibt," sagte Hesky. Israel zeige damit auch, dass es auch in einem Volk, das sich scheinbar blind und entschlossen hinter eine Ideologie und Rassenhass stellte, Menschen gab, die aufrecht blieben und ihre Würde bewahrt hätten.

 

Mehrere Helfer, durch die Gegnerschaft zum Hitlerregime verbunden, seien damals für die Krakauers aktiv gewesen. "Es ist auch heute noch gut zu wissen, dass es in Waiblingen und anderswo Menschen gab, die nicht nach Herkunft, Religion, Nationalität und ideologischem Gedankengut fragten, sondern den Menschen als Gottes Geschöpf sahen, über den zu richten wir nicht befugt sind", sagte Hesky weiter.

 

"Licht im Dunkel" hatte Max Krakauer später sein Buch genannt, in dem er die Jahre der Flucht beschrieb. "Das Licht im Dunkel, das vom Waiblinger Dekanat ausstrahlte, möge ein Mahnmal sein", so Hesky. "Mahnmal dafür, zu handeln, zu helfen und zuerst nach den Mitmenschen in Not zu schauen und erst dann nach sich selbst."

 

Vor der Feierstunde hatte Dekan Eberhard Gröner in einem Gedenkgottesdienst zum 70. Jahrestag der Reichspogromnacht die Hintergründe beleuchtet und dabei auch die Rolle der Kirche nicht ausgespart. Das Ehepaar Zeller habe in dunkler Zeit Mut bewiesen und Menschlichkeit hochgehalten. "Wie ich selbst gewesen wäre, ich weiß es nicht. Ich könnte nur hoffen, menschlich geblieben zu sein im Wissen, dass das Widerstehen gegen Ungerechtigkeiten und Unmenschlichkeiten damals sehr mutig war und heute in der Demokratie bis auf einen Ruf als Störenfried eher folgenlos bliebe." Bis heute tun sich die Menschen nach Ansicht Gröners mit dem Dritten Reich und seinen Folgen schwer. "Wir sind in der Gefahr, Geschichte zu entsorgen, uns ein gutes Gewissen zu leisten, je größer und pathetischer die Denkmäler." Und ganz besonders schwer tun sich Gröner zufolge die Christen, die von einer langen und unheilvollen antijudaistischen Tradition begleitet seien. "Durch die Geschichte des Christentums zieht sich eine Blutspur - endlich und hoffentlich für immer gebrochen durch Ansätze einer Aufklärung, die weitergehen muss, um die Menschenwürde aller zu gewährleisten." Ebenso ziehe sich durch die Kirche eine Spur der Verachtung Andersdenkender und -glaubender.

 

Wenn nun der Karolinger-Schulhof mit dem Namen eines Ehepaars benannt wird, das mitten in Waiblingen zeichenhaft Humanität hochhielt, dann sei er, Gröner, mehr als dankbar, dass dieser Platz noch nicht perfekt ist. "Noch in den Brüchen der Unvollkommenheit dieses Ortes bleibt etwas von den vielen Fragen übrig, bleibt ein Reiben, ein Überlegen auf lange Zeit, wie ein solcher Platz gestaltet werden kann, als Ort der Erinnerung, des Denkanstosses, als Ort, an dem man Spuren der Geschichte nachdenkend erfährt und Geschichte eben ganz und gar nicht entsorgt."

 

Gedenkgottesdienst zum 70. Jahrestag der Reichspogromnacht

Michaelskirche Waiblingen, Sonntag, 09. November 2008

Dekan Eberhard Gröner

 

Liebe Gemeinde,

heute erinnern wir an die Reichspogromnacht vor 70 Jahren, den Beginn der organisierten Vernichtung der jüdischen Mitbürgerschaft und auch an das Ehepaar Zeller, das in den letzten Kriegswochen das untergetauchte jüdische Ehepaar Krakauer vor der Vernichtung bewahrte. Wir erinnern uns zusammen mit der weitläufigen Verwandtschaft an ein Ehepaar, das in dunkler Zeit voller Menschenverachtung Mut bewies und Menschlichkeit hoch hielt. Und wir sind dankbar dafür, dass die Stadt Waiblingen einen Platz bei der Dekanatskirche nach menschlich vorbildlichen Bürgern benennt.

 

Und nur die aller Ältesten unter Ihnen könnten noch sagen, wie sie sich wohl im 3. Reich verhalten hätten. Wie ich selbst gewesen wäre, ich weiß es nicht. Ich könnte nur hoffen, menschlich geblieben zu sein im Wissen, dass das Widerstehen gegen Ungerechtigkeiten und manches an Unmenschlichkeiten damals sehr mutig war und heute in der Demokratie bis auf einen entsprechenden Ruf als Störenfried eher folgenlos bliebe.

 

Mit dem 3. Reich und seinen Folgen tun wir uns bis heute schwer. Zu groß sind die Folgen des industriell durchgeplanten Massenmordes, zu sehr waren Abteilungen der Polizei und der Wehrmacht auch direkt in den Massenmord verwickelt, als dass man wahrhaben konnte, dass ganz normale Menschen zu solchen Grausamkeiten fähig sein könnten.

 

Und je unbegreiflicher vieles wird, um so mehr sind wir in der Gefahr zu überhöhen. Wir sind in der Gefahr, Geschichte zu entsorgen, uns ein gutes Gewissen zu leisten, je größer und pathetischer die Denkmäler. Denkmäler sind zwiespältig. Je schöner die Reden, um so mehr wird der Verdacht der Verdrängung der Geschichte laut – und besonders je moralischer gesprochen und offen oder verdeckt angeklagt wird. Ganz abgesehen von mancher Überheblichkeit. Auch moralischer, besonders christlicher. Besonders als Christen tun wir uns schwer, denn eine lange unheilvolle antijudaistische Tradition begleitet uns.

 

Durch die Geschichte des Christentums zieht sich auch eine Blutspur – endlich und hoffentlich für immer gebrochen durch Ansätze einer Aufklärung, die weiter gehen muss, um die Menschenwürde aller zu gewährleisten, früher einer Kirche oft auch abgetrotzt. Durch die Kirche zieht sich eine Spur der Verachtung Andersdenkender und –glaubender, die viel davon ahnen lässt, wie sehr man Zweifel tief in sich abdrücken muss.

 

Wer einen Alleinvertretungsanspruch in sich aufgesogen hat, der ist immer in der Gefahr, intolerant zu werden. Wir Christen mit dem allein wahren Glauben – und schon ist heute auch der Islam unter Generalverdacht gestellt. Zumindest Abwehr Andersdenkender ist eine der Folgen.

 

Und wenn dann nicht gleich zur Gewalt gegriffen wird, auch zur eigenen Vergewaltigung, mindestens des Verstandes, meist auch des Gefühles – mit dem Verlust der Mitmenschlichkeit, der mag dann auch banal böse werden, so wie es Hannah Arendt, die bekannte jüdische Philosophin, zu beschreiben versuchte. Zumindest aber ist man in der großen Gefahr, perfekt werden zu wollen. Bis dahin, dass wie in Deutschland auch die Vernichtung perfekt ablief – auch als Form der Abwehr menschlicher Gefühle.

 

Wenn wir heute den Karolingerschulhof  als Stadt mit dem Namen eines Ehepaars benennen, das mitten in Waiblingen zeichenhaft gegen Ende des Krieges Humanität hochhielt, dann bin ich mehr als dankbar dafür, dass dieser Platz noch alles andere als perfekt ist. Noch in den Brüchen, der ganzen Unvollkommenheit dieses Ortes bleibt etwas von den vielen Fragen übrig, bleibt ein Reiben, ein Überlegen auf lange Zeit, wie ein solcher Platz gestaltet werden kann, als Ort der Erinnerung, des Denkanstoßes, als Ort, an dem man Spuren der Geschichte nachdenkend erfährt und Geschichte eben ganz und gar nicht entsorgt. Ein Schulhof, der wie beinahe jeder Schulhof in Deutschland etwas auch vom Geist der Anpassung atmet. Gerade die Intelligenz, eine bestimmte Art von Intelligenz des Bürgertums auch in Lehrerschaft und Pfarrerschaft war rasch zur Anpassung bereit, selbst angepasst erzogen, meist Deutschnational damals, so sehr, dass die allermeisten erst sehr spät wach wurden, auch kirchlicherseits die Reichspogromnacht kaum verurteilten und auch lange, viel zu lange zur Verfolgung und Ermordung der jüdischen Mitbevölkerung schwiegen, ja sogar stillschweigend billigten. Und auch die theologische Erklärung von Barmen brauchte lange, bis sie zum kirchlichen Bekenntnis wurde.

 

Vielfältige Ursachen führten zum 2. Weltkrieg, führten vorher schon in die Diktatur, führten auch in den Antijudaismus. Es ist heute keine Zeit, sich gedanklich nur den vielfältigen Entwicklungen und Verästelungen hin zu beinahe kollektiver Unmenschlichkeit zu nähern.

 

Das heutige Bibelwort aus dem 1. Brief an die Gemeinde in Thessaloniki setzt sich, wenn wir es mit heutigen Augen lesen oder hören, mit den Gefährdungen des Lebens auseinander. Und Sie alle gestatten mir gerade am heutigen Tag, an dem wir der Menschlichkeit eines Ehepaars gedenken, das wie die meisten in deutschnationalem Umfeld groß wurde, als Leitende, in der Rolle des Dekans erst recht gefährdet war, weil Leitungsfunktionen gerade auch anfällig für Anpassungen machen (auch ich spüre das), Sie gestatten mir, dass ich nur einige der Gedanken dieses Bibelwortes aufnehme.

 

Es heißt im 5. Kapitel 1. Thess.:

1 Von den [a ] Zeiten und Stunden aber, liebe Brüder, ist es nicht nötig, euch zu schreiben;

2 denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommen wird [a ] wie ein Dieb in der Nacht.

3 Wenn sie sagen werden: [a ] Es ist Friede, es hat keine Gefahr -, dann [b ] wird sie das Verderben schnell überfallen wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entfliehen.

4 Ihr aber, liebe Brüder, seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme.

5 Denn ihr alle seid [a ] Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis.

6 So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern [a ] lasst uns wachen und nüchtern sein.

7 Denn die schlafen, die schlafen des Nachts, und die betrunken sind, die sind des Nachts betrunken.

8 Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil.

9 Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, das Heil zu erlangen durch unsern Herrn Jesus Christus, 

10 der für uns gestorben ist, damit, [a ] ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben.

11 Darum [a ] ermahnt euch untereinander, und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.

 

Nicht einmal die meisten Naturkatastrophen kommen wie der Dieb in der Nacht. Politischen Entwicklungen geht eine lange Geschichte voraus. Die Vorgeschichte des 3. Reichs war lange genug. Und viele Klarsichtige sahen es kommen, nicht nur große Teile der Arbeiterschaft, die ganz hautnah die Kriegsvorbereitungen schon seit 33 erlebten.

 

Unheilvolle Entwicklungen sieht man nur kommen, wenn man andere Maßstäbe hat. Paulus nennt es, Kinder des Lichtes zu sein. Ich weiß, die Tradition des Christentums hat mit diesem und anderen Begriffen Schindluder getrieben. Wer Kind des Lichtes ist, hält allzu schnell die andern für Kinder der Finsternis. Gerade wenn man eigene Zweifel unterdrücken muss, wenn man allzu sehr mit dem Schlaf kämpft. Paulus redet von einer tiefen Auseinandersetzung. Mögen andere wie besoffen sein von den eigenen Erfolgen und Erfolgsmeldungen, den ganz normalen sogenannten Erfolgen in der Welt, heute vielleicht solchen des Kapitals mit seinem Spekulationsunwesen als Zeichen der Finsternis, wie Paulus es nennen könnte, es geht um, und Paulus gebraucht hier auf den Wegen des Friedens starke Begriffe, es geht um eine dauernde Auseinandersetzung, es geht um Kampf. Auch mit dem inneren Schweinehund, der gerne alles hinnimmt, der anständig erzogen ist, der sich deswegen allzu gerne, wie es die Psychologie sagen würde, sich mit dem Aggressor identifiziert. Anpassung als christlich gepredigte Tugend, ja nicht auffallen, und schon ist man ungewollt unmenschlich. Denken wir nur an den Umgang mit anderen, die unter Ausgrenzungen leiden, anstelle einer Integration, die auch uns bereichern würde, mehr Licht brächte.

 

Wer allzu steil gegen seine Gefühle glauben muss, dazu gezwungen wird, mit List und Pädagogik getrieben wird, das Heil allein in Christus zu sehen, wer dabei die vielen unterschiedlichen und uneindeutigen Spuren Gottes, des Zweifels, der Liebe und des Hasses, vergessen muss, der wir unfähig zur Empathie. Zur Einfühlung in andere. Der sucht sein Heil in der Abgrenzung. Damals von Juden und Zigeunern, um die Sprachregelung des Faschismus aufzunehmen, der konnte von lebensunwertem Leben reden, sein Volk hochstilisieren gegen andere Völker. Reste sind in jedem vorhanden – auch in mir, schon wenn ich die Mechanismen zu beschreiben versuche und damit in der Gefahr bin, andere abzuwerten. Paulus geht es deswegen, so würden wir heute sagen, um eine dauernde liebevolle gemeinsame Reflexion, um ein gemeinsames Ausprobieren, wieweit der Glaube trägt und menschlich macht. Nach den Maßstäben Gottes, nach denen jeder Mensch, um das alte Bild der Bibel zu benützen, Ebenbild Gottes ist.

 

Das Ehepaar Zeller, so denke ich, hat mit solchen Gedanken ebenfalls gerungen, hat sich gerade gegen Ende des Krieges über die selbstverständlichen Unmenschlichkeiten hinwegsetzen können. Kein politisches Programm hat sie geführt – das wie die meisten Programme auch in der Gefahr ist, in Totalitarismen zu führen. Den andern zu sehen, mit ihm mitfühlen zu können, damit beginnt neues Leben. Ein Leben, das Spuren des Heils kennt mitten im Unheil. Den andern sehen zu können. In einer alten jüdisch–chassidischen Erzählung wird gesagt, dass die Nacht endet und der Tag beginnt, wenn wir das Antlitz des andern erkennen. Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn – und auch der Zorn über das Unrecht macht die Stimme heiser – sondern das Heil ist uns in Christus geschenkt.

 

Nicht nur uns, sondern jedem Menschen, jedem, der menschliches Antlitz trägt. Es sind alte Bilder, Ideale einer neuen Gemeinschaft, die immer dann in Unmenschlichkeit kippen mag, wenn man sagt: Nur und ein für alle Mal. Total. Wie von oben erschlagend. Immer wieder neu können wir darum ringen, können Menschen sehen, wie sie sind und nicht wie wir sie gerne bis heute in Integrationsprogrammen haben möchten. Wen nicht mehr die Angst vor andern treibt, der hat für sein Leben großen Gewinn, spürt mehr Licht um sich, gegen alle Dunkelheiten.

Menschlichkeit bleibt dann auch, bitter genug, oft zufällig, ohne große Theorien – die wir an den Schulbuchheiligen bewundern oder in die wir sie gerne zwängen, um sie benutzbar zu machen.

 

Aber wir sind dankbar für alle menschlichen Erlebnisse, die uns selbst offen machen, auch für die eigenen Ängste und den Mut, über den wir dann selbst erschrocken sind.

 

Und so kann ich heute nur anregen, auch mich, nachzudenken, auch an den Beispielen des Ehepaars Zeller, nachzudenken darüber, was Menschen menschlich werden lässt – und auch wie bei den meisten, in einem schmalen Grad, auch unmenschlich. Die Verhältnisse, sie sind nie so – und zu viel Angst lässt auch die Augen verschließen und einschlafen. Mühsam nur halten wir uns wach, dankbar für alle, die immer wieder, im Namen Gottes, im Namen der Humanität, die jedem gilt, uns wecken oder zu wecken versuchen, damit es lichter um uns wird.

 

Amen